Reaktionsbildung psychologie definition
Jeder Mensch nutzt Abwehrmechanismen — psychische Prozesse, die dem Umgang mit unerwünschten Empfindungen dienen, um mentale Balance wiederherzustellen. Ragnhild Struss stellt die wichtigsten Abwehrmechanismen vor und zeigt auf, wie wir das zugrundeliegende Problem auf nachhaltigere Weise lösen können.
Im Job gab es Stress mit Ihrer Chefin — aber statt sie zu konfrontieren, lassen Sie abends Ihren Frust an Ihrem Mitbewohner aus. Als Jugendlicher haben Sie gerne gezündelt — was dazu geführt hat, dass Sie sich heute bei der freiwilligen Feuerwehr engagieren. Diese drei Beispiele entsprechen den psychischen Abwehrmechanismen Rationalisierung, Verschiebung und Sublimierung.
Wir alle kennen und nutzen solche und weitere Abwehrmechanismen, um Stress und negative Emotionen zu vermeiden. Ein Prozess, der für ein authentisches Leben mit entsprechendem Zufriedenheitsgefühl aber unbedingt notwendig ist. Welche Abwehrmechanismen gibt es und wie können wir auf reifere Art mit negativen Gefühlen umgehen?
Reaktionsbildung
Freud betrachtete einige Abwehrmechanismen wie Verleugnung als eher unreif, während andere wie etwa Sublimierung — durch Veredelung auf eine höhere Stufe bringen — eher als reif gelten, also auf eine stabile und gut entwickelte Persönlichkeit hindeuten. Fakt ist: Jeder von uns nutzt ab und zu Abwehrmechanismen. Das Problem: Verstricken wir uns zu sehr in solchen Kompensationsstrategien, wird das Ursprungsproblem nicht gelöst — sondern zuweilen sogar verstärkt.
Erst wenn wir dem Gefühl, welches wir vermeiden wollen, auf den Grund gehen, können wir wachsen und Heilung erfahren. Denn häufig verbirgt sich dahinter ein Muster, welches wir schon in der Kindheit entwickelt haben, um mit für uns schmerzhaften Erfahrungen besser umgehen zu können. Abwehrmechanismen bieten jedoch nur oberflächliche, temporäre Linderung.
Reaktionsbildung: Lexikon Definition
Im Folgenden wird innerhalb einer Vorstelleung der am weitesten verbreiteten Strategien aufgezeigt, wie wir statt zu kompensieren mit dem zugrundeliegenden Problem umgehen können. Sie werden sich in dem ein oder anderen Abwehrmechanismus sicher wiedererkennen. Bei dieser Abwehrstrategie negativer Empfindungen suchen wir vermeintlich logische oder moralisch akzeptable Erklärungen für unser Verhalten, unsere Gedanken oder Gefühle.
Beispiel: Ein Kind entwendet einen Buntstift aus der Federtasche seines Klassenkameraden. Auf etwaige Schuldgefühle wegen der moralischen Verwerflichkeit des Stehlens reagiert die Psyche des Kindes rationalisierend: Es könnte sich einreden, dass Buntstifte nicht teuer sind, dass der Klassenkamerad immer noch sehr viele besitzt und dass er ohnehin nicht gerne zeichnet.
Ein weiteres Beispiel: Ein Mann wird von seiner Partnerin verlassen. Auch ein ehrliches Gespräch mit einem guten Freund kann dabei sehr hilfreich sein. Fragen Sie Ihr Gegenüber, wie es die Situation einschätzt und was es Ihnen raten würde. Bei diesem häufigen Abwehrmechanismus übertragen bzw. Ein weiteres Beispiel: Eine Frau fühlt sich einsam und hat nur wenige Freundinnen.
Als eine Bekannte sie enttäuscht, reagiert sie zickig und wirft dieser vor, mit ihrem Verhalten sei es kein Wunder, dass sie kaum Freundschaften habe. So leitet sie die eigene unbewusste Angst, nicht liebenswert zu sein, auf eine andere Person um. Immer wenn Sie sich bei jemand anders stark über etwas aufregen, könnte es sein, dass Sie eigene Anteile auf ihn projizieren, die Ihnen Angst machen oder die Sie sich nicht erlauben — und bei denen Sie entsprechend andere insgeheim beneiden, die das leben, was Sie sich im Verborgenen wünschen.
Eindeutig einer der reifsten Abwehrmechanismen, geht es bei der Sublimierung darum, moralisch verwerfliche Triebe in gesellschaftlich akzeptierter oder sogar hochanerkannter Weise auszuleben. Beispiel: Eine zu Aggressionen neigende Person nutzt diese Tendenz auf sinnvolle, unschädliche Weise, indem sie sich im Beruf wettbewerbsorientiert zeigt oder in ihrer Freizeit Kampfsport ausübt.
Wie Sie reifer reagieren können: Im Grunde ist Sublimierung bereits eine positive Reaktion auf zu starke Triebimpulse, die bei ungezügeltem Ausleben soziale Probleme oder Ausgrenzung nach sich ziehen könnten. Hier ist deshalb aus anderem Grund Vorsicht geboten: Wer es mit der Sublimierung übertreibt und sämtliche Triebe unterdrückt, schneidet sich von der eigenen körperlichen Energie ab und riskiert, nur noch im Kopf und auf geistiger Ebene zu leben.
Es ist wichtig, dass Sie sich — natürlich in einem Rahmen, in dem niemand zu Schaden kommt — erlauben, Ihre Triebe auch mal auf physische Weise auszuleben. So geschieht das bei Kindern zum Beispiel mit spielerischem Rangeln zur Aggressionsbewältigung, und als Erwachsener ist ein erfülltes Sexualleben für die meisten Menschen ein wichtiger Faktor für die psychische Gesundheit.
Hiebei übertragen wir Impulse oder negative Gefühle gegenüber einem Menschen oder einer Situation auf eine meist weniger bedrohlich wirkende andere Person, Sache, o. Beispiel: Eine Jugendliche wird im Unterricht harsch von ihrer Lehrerin getadelt. Weil sie der Autoritätsperson gegenüber ihre Frustration nicht ausdrücken kann, baut sie ihren Stress ab, indem sie zuhause ihren kleinen Bruder anbrüllt.
Ein weiteres Beispiel: Jemand ist extrem wütend, weil ein ihm nahestehender Mensch überfallen wurde. Wie Sie reifer reagieren können: In den wenigen Fällen, in denen bei der Verschiebung tatsächlich niemand zu Schaden kommt Beispiel aufs Kissen einschlagen , ist dieser Abwehrmechanismus vielleicht noch akzeptabel. Gerade wenn Kinder oder Haustiere Opfer der Verschiebung sind, können schwere Traumata entstehen, da sie überhaupt nicht begreifen, warum sie verbal oder physisch attackiert wurden.
Achten Sie also darauf, Ihre negativen Empfindungen anderweitig abzubauen Sport, Atemübungen, Meditation und — wenn möglich — drücken Sie Ihren Unmut auf konstruktive Weise gegenüber den Menschen aus, die ihn in Ihnen verursacht haben. Bei der Verdrängung möchte sich unsere Psyche vor einer Bedrohung ihrer Integrität schützen — beispielsweise vor inneren Trieben oder Erlebnissen, die unserem idealen Selbstbild zuwiderlaufen.
Beispiel: Ein Mann ist heimlich in die Freundin seines besten Freundes verliebt. Da er absolut loyal gegenüber seinem Freund ist, verdrängt seine Psyche die Gefühle zu der Frau, sodass der Mann sie selbst nicht mehr wahrnimmt.
Abwehrmechanismen Abwehrmechanismen nach Freud · [mit Video]
Sie kommen jedoch in sich wiederholenden Träumen zum Vorschein, in denen die Frau mit ihm zusammen ist. Oder: Eine Frau, die sich selbst stets sehr kontrolliert und um Zurückhaltung bemüht ist, schlägt bei einer Feier über die Stränge, sodass ein paar Gäste im Nachhinein ihr Verhalten negativ kommentieren. Der Frau ist diese Abweichung von ihrem Ich-Ideal so peinlich, dass sie diese Begebenheit verdrängt — und sich schon ein paar Wochen später kaum noch an den Abend erinnert.
Nur manchmal hat sie ein nicht greifbares ungutes Gefühl, wenn sie an die Gastgeber der Feier denkt. Wie Sie reifer reagieren können: Da die Verdrängung komplett ohne die Beteiligung unseres Bewusstseins stattfindet, ist ihr gar nicht so einfach auf die Schliche zu kommen. Eine Ersatzhandlung wäre im obigen Beispiel, wenn der unglücklich verliebte Mann seinem Freund immer wieder gratuliert, was für eine tolle Frau er habe, statt gegenüber der Frau selbst seine Zuneigung zu bekunden.
Beispiel: Jemand hat ein Problem mit Glücksspielsucht, verbringt extrem viel Zeit im Casino und hat bereits beachtliche Schulden. Wenn er von seiner Familie konfrontiert wird, ist er jedoch überzeugt, die Lage im Griff zu haben und das Spielen lediglich als angenehmes, unproblematisches Hobby zu betreiben.
Ein weiteres Beispiel: Eine ältere Frau wird plötzlich Witwe, verleugnet jedoch die Tatsache, dass ihr Mann nicht mehr lebt.
Psychologie der Rationalisierung
Wie Sie reifer reagieren können: Verleugnung zählt definitiv zu den unreifen Abwehrmechanismen, die sehr problematisch werden können. Da Betroffene die Realität dabei tatsächlich anders wahrnehmen, als sie ist, können sie selbst es kaum schaffen, ihr Leugnen zu enttarnen. Weist man sie darauf hin, wie die Situation wirklich ist, können sie — aus Selbstschutz vor dem Schmerz, den die Wahrheit mit sich brächte — sehr stur auf ihrer Sichtweise beharren oder wütend werden.
In extrem Fällen von Verleugnung bei Personen in Ihrem Umfeld sollten Sie am besten Rat bei einem Psychotherapeuten oder — je nach Thema — bei einer Sucht- Beratungsstelle suchen. Dabei können Werte, Normen, Ideen oder bestimmtes Verhalten übernommen werden. Beispiel: Ein Jugendlicher fürchtet sich vor einer Clique aggressiv auftretender Jungs. Seine Angst wandelt sich dann in Identifikation um, indem er das Auftreten der Clique nachahmt z.
Wie Sie reifer reagieren können: Da Identifikation oft im Zusammenhang mit dem Erleben von Angst auftritt, scheint sie zunächst eine adäquate Lösung zu sein. Doch dabei verraten wir meist unsere eigenen Werte und gehen über unsere Wünsche und Bedürfnisse hinweg! Will der Jugendliche wirklich Teil einer aggressiven Gang sein? Findet die Frau es wirklich in Ordnung, sich erniedrigen zu lassen?
Wichtig ist in solchen Angstsituationen, es sich selbst wert zu sein, sich nicht im Angesicht einer Bedrohung zu verbiegen und anzupassen. Somatisierung bedeutet dabei, dass sich eine mentale Belastung anhand unspezifischer körperlicher Schmerzen, z. Beispiel: Eine junge Frau bekommt jedes Mal, wenn ein Vortrag in ihrem Seminar ansteht, vor Stress ganz viele Pickel im Gesicht.
Konversion ist so zu verstehen, dass über den körperlichen Ausdruck hinaus dieser auch noch in einem symbolischen Zusammenhang mit dem Problemthema steht. Beispiel: Ein Mensch entwickelt eine solche Aversion gegenüber Schule oder Job, dass seine Beine gelähmt werden, ohne erkennbare körperliche Ursache. Wie Sie reifer reagieren können: Während Extremfälle wie das Beispiel der Lähmung nicht so einfach zu behandeln sind, kennen die meisten Menschen leichtere Formen von Somatisierung und Konversion.
Kopfweh, Magen-Darm-Probleme, Herzrhythmusstörungen, Erröten oder Verspannungen sind typische Symptome unserer Verarbeitung von Stress und Ängsten. Meist sind diese körperlichen Reaktionen nicht steuerbar, wohl aber können wir uns mit deren Auslöser befassen und — im Rahmen einer Psychotherapie, Hypnose, mit Selbsthilfebüchern oder Achtsamkeitsübungen — daran arbeiten, von vornherein weniger Sorgen, Furcht und Anspannung zu empfinden.
Nehmen Sie wiederkehrende körperliche Signale in jedem Fall ernst, lassen Sie sie ärztlich abklären — und erforschen Sie bei nicht erkennbaren physischen Ursachen, aus welcher mentalen Stressquelle sie herrühren könnten. Dabei wird ein unerwünschtes Gefühl Affekt von einer bestimmten Situation entkoppelt, sodass die Person dieses gar nicht mehr wahrnimmt.
Beispiel: Ein Mann verliert durch Kündigung seinen Job, den er immer sehr gerne ausgeübt hat. Als er seiner Familie abends davon berichtet, nennt er nur auf nüchterne Art die Fakten und Rahmenbedingungen — ohne jeglichen emotionalen Ausdruck der Enttäuschung, Trauer oder Wut. Ein zweites Beispiel: Das geliebte Kaninchen eines kleinen Mädchens stirbt.
Zum Erstaunen ihrer Eltern zeigt sie jedoch gar keine Traurigkeit, sondern bespricht nur auf rationale Art, dass sie es im Garten beerdigen möchte. Die emotionale Ebene scheint komplett abgekoppelt. Es ist dabei nur wichtig, gut in sich hineinzuhören und Emotionen, die irgendwann doch unweigerlich aufkommen, dann nicht zu unterdrücken. Um solche Erlebnisse zu verarbeiten, müssen sie nämlich — im passenden zeitlichen und räumlichen Rahmen — zugelassen und verarbeitet werden.
Bei diesem Abwehrmechanismus gleichen wir eine von uns selbst oder anderen wahrgenommene Schwäche durch Überbetonung einer Stärke von uns aus. Sie kann auch ganz allgemein als Prozess verstanden werden, der psychisches Ungleichgewicht ausgleicht. Beispiel: Ein Kreativer in einer Werbeagentur schämt sich insgeheim, weil er im Umgang mit Grafikprogrammen im Vergleich zu seinem Team wesentlich unsicherer ist.
Unbewusst betont er deshalb immer, dass es für die Qualität eines Projekts vor allem auf geniale Ideen ankäme — die Umsetzung sei dann nur zweitrangig. Noch ein simples Alltagsbeispiel, was sicher jeder kennt: Jemand hatte einen stressigen Arbeitstag und die eigene Präsentation ist nicht geglückt. Um die dadurch entstandene negative Stimmung zu kompensieren, gönnt die Person sich abends ein schönes Bad, eine Pizza ihres Lieblingsitalieners oder kauft sich etwas, was sie sich schon lange gewünscht hat.
Wie Sie reifer reagieren können: Im Grunde ist Kompensation ein weit verbreiteter und oft sinnvoller Abwehrmechanismus. Um auf die oben genannten Beispiele einzugehen: Der Agenturmitarbeiter sollte trotz Ideenstärke daran arbeiten, seine technischen Fähigkeiten auszubauen, und wer immer wieder extrem von seinem Job gestresst ist, sollte die Gründe analysieren und Lösungen finden, statt sich lediglich mit Angenehmem abzulenken.
Mit dem ebenfalls weitverbreiteten Abwehrmechanismus der Idealisierung versuchen wir, die positiven Seiten an einem Menschen, einer Sache oder einer Situation überzubetonen und die negativen Aspekte auszublenden. Das geschieht oft dann, wenn das Erkennen der negativen Punkte ein Handeln nötig machen würde, zu dem wir nicht bereit sind. Beispiel: Eine Frau muss in ihrem neuen Job extrem viele Überstunden machen und wirkt zunehmend ausgebrannt.
Als ihre Freunde sie darauf ansprechen, meint sie nur, das sei nicht so schlimm, weil alles andere an dem Job perfekt sei die Kollegen, die Inhalte, der Chef usw. Auch bekannt: Obwohl eine Beziehung schon lange nicht mehr das Gelbe vom Ei ist, idealisieren wir unseren Partner, weil wir uns sonst eingestehen müssten, dass es vielleicht nicht auf Dauer funktioniert.
Hier hilft tatsächlich das Feedback enger Vertrauter , die uns spiegeln, dass etwas nicht in Ordnung ist, oder uns zum Hinterfragen anregen, ob wir wirklich so glücklich mit der Situation sind. Hierbei handelt es sich um das Gegenteil der Idealisierung : Statt unseren Fokus nur auf das Positive zu legen, finden wir dabei all das, was schlecht an etwas oder jemandem ist.
Auch hier ist wie bei allen Abwehrmechanismen das Ziel, unangenehme innere Spannungen abzumildern oder unser angegriffenes Selbstwertgefühl zu schützen. Beispiel: Eine ehemalige Kommilitonin hat mit ihrem Startup Erfolg. Und der Internetauftritt könnte direkt aus den 90ern kommen. Weiteres Beispiel: Eine Frau, die seit der Geburt ihres ersten Kindes nicht mehr berufstätig ist, sondern die Kinder betreut und sich um den Haushalt kümmert, regt sich über arbeitende Mütter auf und findet, diese vernachlässigen ihre Kinder und seien egoistisch.