Humanistische ansätze psychologie
Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie Info Verfasst von: Willi Butollo , Marion Koll-Krüsmann und Maria Hagl. Humanistische Psychotherapieverfahren. Aus heutiger Sicht kann die humanistische Bewegung als der Versuch eines Paradigmenwechsels gesehen werden. Es vollzog sich so etwas wie ein Umbruch in der Perspektive des Menschen von sich selbst und seinem Platz in der Welt.
Das vom kartesianischen Wissenschaftsverständnis geprägte duale Verständnis von Leib und Seele wird abgelöst von einem Menschenbild, in dem das Individuum als organische Einheit kognitiver, seelischer und körperlicher Aspekte betrachtet wird. Dieser Wandel zeigt sich allerdings eher in seinem weitreichenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Einfluss als in einer konsistenten Theorienbildung.
In der Psychologie wurde dieser Wandel von Grundannahmen der Existenzphilosophie, der Phänomenologie und der Gestaltpsychologie beeinflusst und es entstand eine Fülle von therapeutischen Verfahren in Anlehnung an humanistische Theorien über das menschliche Entwicklungs- und Veränderungspotenzial. Die am weitesten verbreiteten Therapierichtungen mit humanistischem Hintergrund sind die Gestalttherapie und die personzentrierte Psychotherapie bzw.
Wichtige Konzepte der angewandten Psychologie, wie die Annahme einer systemischen Selbstregulation oder die Bedeutsamkeit der zwischenmenschlichen Beziehung als zentrale Bedingung für Krankheit oder Gesundheit, sind aus diesen humanistischen Therapieansätzen hervorgegangen. Aber leider ist auch jede Schule selbstgerecht.
Der tolerante Psychologieprofessor nimmt meistens die verschiedenen Schulen aus ihren Schubladen heraus, diskutiert sie, zeigt seine Vorliebe für die eine oder andere — aber wie wenig tut er für ihre Integration!
Humanistische Psychotherapieverfahren
Wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Hintergrund der humanistischen Psychologie Humanistische Psychotherapie entstand in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in den USA, kehrte bald heim in die europäische geisteswissenschaftliche Fachwelt, wo ihre Wurzeln lagen, und erlebte ihre erste Blütezeit in den er- und er-Jahren.
Eine zunehmende Kritik an den schon damals vorherrschenden und seither im deutschen Gesundheitssystem monopolisierten psychologischen Strömungen, der Tiefenpsychologie und dem Behaviorismus, sowie ein starkes Misstrauen gegenüber der gesellschaftspolitischen Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg, forcierte die Hinwendung zu alternativen Konzepten.
Spätestens seit der Jahrtausendwende erfahren humanistische Psychotherapien wieder vermehrte Aufmerksamkeit und ihre Methoden werden zunehmend in die etablierten Verfahren integriert vgl. Längle und Kriz In der humanistischen Bewegung fanden sich diejenigen zusammen, die nach kreativen, humanen und lebensbejahenden Theorien, Modellen und Verfahren suchten.
Diese entstanden vor einem weltanschaulich-philosophisch-psychologischen Hintergrund, der kurz dargestellt werden soll. Existenzphilosophie Die Existenzphilosophie , die an die Lebensphilosophie des Jahrhunderts F. Nietzsche, H. Bergson, W. Dilthey und an den von S. Kierkegaard geprägten Begriff der Existenz anknüpft, erlebte in den er-Jahren durch J.
Sartre einen neuen Höhepunkt. Die in Deutschland zwischen den Weltkriegen entstandene und in erster Linie von K. Jaspers und M. Heidegger geprägte Schule der Existenzphilosophie kam hingegen in der Zeit des Nationalsozialismus weitgehend zum Erliegen. Mittelpunkt der existenzialistischen Philosophie ist der Blick auf den inneren Kern des Menschen, die Betrachtung des menschlichen Seins in seiner Verletzlichkeit und seinem Ausgeliefertsein gegenüber einem unerklärlichen Dasein.
Der Mensch muss sich, alleinig für seine individuelle Existenzweise verantwortlich, mit seiner Angst, der Erfahrung des Todes und der Möglichkeit seines Scheiterns in einer absurden Ordnung zurechtfinden. Dabei ist er frei, im Rahmen einer bedrohlichen Determiniertheit, das Bild seines Lebens selbst zu gestalten. Der Einfluss der Existenzphilosophie auf die humanistische Psychologie zeigt sich in der Annahme eines individuellen Gestaltungsspielraumes zwischen den Polen sozialer und biologischer Determiniertheit und Interdependenz und dem Selbst als autonome Instanz, die ziel- und sinnorientiert handelt.
Begegnungsorientierte Therapieverfahren. Vor allem durch den Einfluss von Martin Buber gewannen existenzphilosophische Anschauungen im psychologisch-humanistischen Bereich an Bedeutung. Darin liegt für Buber das zentrale Moment für Veränderung oder Stillstand, Leere oder Erfüllung. Der Schwerpunkt der humanistischen Verfahren, die gelebte Wirklichkeit existenzieller Beziehung, zwischen Therapeut und Klient wieder modellhaft geschaffen und auf andere Beziehungen übertragbar, bezieht sich mehr oder weniger explizit auf Martin Buber und sein Werk.
Gestaltpsychologie Die Gestaltpsychologie , durch Max Wertheimer begründet, sieht psychische und physische Prozesse nicht als durch die isolierte Betrachtung einzelner Elemente verstehbar. Wahrnehmung, Denken, Emotionen und Handlung werden durch eine ganzheitliche Organisation gesteuert, die nach übergreifenden Gestaltgesetzen eine dynamische Gerichtetheit erfahren.
Humanistische Psychologie ist ebenso wie die Gestaltpsychologie nicht an einer atomistischen Annäherung an psychische Teilfunktionen, weder im Bereich der Forschung noch im Bereich der Behandlung, interessiert. So lässt sich ein Verständnis der menschlichen Existenz nur durch eine Betrachtungsweise erreichen, in der der handelnde Mensch in seiner Ganzheit, als biologisches, psychisches und soziales Wesen, gesehen wird Völker Das biopsychosoziale Modell als damit genuin humanistisches Modell hat mittlerweile Eingang in allgemein anerkanntes psychologisches Wissen gefunden.
Goldstein betrachtet das ununterbrochene Bedürfnis des Organismus, seine Potenziale einzusetzen und zu verwirklichen , als das Hauptmotiv der menschlichen Existenz. Dabei ist der Mensch vor die Notwendigkeit gestellt, immer wieder neu zu wählen und zu entscheiden.
Humanistische Psychotherapie: Unterstützung von selbstregulativen Prozessen und Potenzialentfaltung
Goldstein lehnt sich in seiner Theorie eng an wahrnehmungspsychologische Erkenntnisse an. Dabei ist die Zufriedenstellung der aus der Gesamtheit des Wahrnehmungsfeldes hervortretenden Bedürfnisse das übergeordnete Ziel der organismischen Regulation des Selbst. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten findet sich in allen humanistischen Verfahren der Grundgedanke eines positiven Kerns , einer wachstumsorientierten Energie im Menschen, die darauf wartet, auf Umweltbedingungen zu treffen, in denen sie sich entwickeln und freisetzen kann.
Erkenntnistheoretischer Hintergrund In der Existenzphilosophie und der Gestaltpsychologie kann man die wissenschaftliche Herangehensweise als grundsätzlich phänomenologisch bezeichnen. Phänomenologie stellt somit einen weiteren wichtigen Eckpfeiler der humanistischen Psychologie dar. Sie versucht, hinter der Abfolge von Erscheinungen das eigentliche Wesen eines Phänomens, unter Einbeziehung der Intuition und Wahrnehmung des Betrachters, zu erkennen.
So ist die vollständige Beschreibung der Erscheinungen, wie sie dem Geist, also dem Beobachter, präsent sind, unabdingbar. Dabei ist zur Erfassung der Umwelt in ihrer Beziehung zum Beobachter irrelevant, ob sich ein Abbild der Wahrnehmung in der Wirklichkeit findet oder nicht. So macht die Phänomenologie im Unterschied zu den positivistischen Wissenschaften, das Wirklichkeit setzende Subjekt zum Zentrum der Erkenntnisgewinnung und geht von der sinnlichen Erfahrung des Menschen aus.
Der Forscher besteht also nicht mehr losgelöst von seinem Untersuchungsgegenstand; in jeder Fragestellung und Wahrnehmung erfasst er gleichzeitig einen Teil seines Selbst. Die humanistische Psychologie übernimmt zum einen den methodischen Ansatz, zum anderen wird der philosophische Hintergrund aufgenommen und in die Beziehung Therapeut-Klient transportiert.
Bugental, der erste Präsident der Gesellschaft, formuliert die zentralen Aussagen der humanistischen Psychologie s. Grundlegende Forderungen und Orientierungen in der humanistischen Psychologie Original: Basic Postulates and Orientations of the Humanistic Psychology; Bugental , S. Man, as man, supercedes the sum of his parts der Mensch ist nach seinem Wesen mehr als die Summe seiner Teile.
Man has his being in a human context der Mensch kann nicht losgelöst von seinen zwischenmenschlichen Bezügen gesehen werden. Humanistic Psychology cares about man die humanistische Psychologie stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Humanistic Psychology values meaning more than procedure die humanistische Psychologie wertet den Inhalt und die Bedeutung einer Fragestellung höher als das methodische Vorgehen.
Humanistic Psychology accepts the relativism of all knowledge die humanistische Psychologie erkennt die Relativität allen Wissens an. Humanistic Psychology believes heavily upon the phenomenological orientation die humanistische Psychologie baut auf die phänomenologische Orientierung auf. Humanistic Psychology does not deny the contributions of other views, but tries to complement them and give them a setting within a broader connection of the human experience die humanistische Psychologie verleugnet nicht die Beiträge anderer Orientierungen, sondern versucht, diese zu ergänzen und stellt sie in einen breiten Zusammenhang menschlicher Erfahrung.
Sie kritisierten deren deterministische und mechanistische Vorstellungen, in denen die menschliche Psyche in beobachtbare bzw. Das humanistische Menschenbild geht von einem ganzheitlichen und sinnhaften Streben in Richtung existenzieller Freiheit und Selbstverwirklichung aus. Der heute weit verbreitete Begriff der Ressourcenorientierung geht auf diesen Perspektivenwechsel zurück.
Dabei werden die gesundheitsfördernden Kräfte in den Vordergrund geholt und der Blick von der Defizitorientiertheit weggeführt. Humanistische Implikationen für die psychiatrische und psychotherapeutische Praxis Um ein Verständnis für die zugrunde liegenden Theorien, Behandlungskonzepte, Anwendungsgebiete und Forschungsergebnisse der humanistischen Therapieformen zu erlangen, kann eine reine Informationsaufnahme nicht den angemessenen Weg darstellen.
Eine Auseinandersetzung mit humanistischer Therapie oder Psychologie impliziert immer auch eine kritische Reflexion des eigenen Menschenbildes, der eigenen Modelle von Gesundheit und Krankheit und der antizipierten Beziehung, die zwischen professionellem Helfer und dem psychisch oder somatisch Belasteten, der um Hilfe sucht, etabliert werden soll. Therapie als Begegnung Im Kern ist es das Verständnis von Kontakt und Nähe zum Klienten, das auf Seiten des Therapeuten den Ausschlag zur Entscheidung für oder gegen ein humanistisches Verfahren bedingen sollte.
Eine Therapie im Sinne der humanistische n Verfahren setzt voraus, dass sich der Therapeut auf eine Begegnung mit dem Klienten einlässt, anstatt eine Behandlung durchzuführen. Obgleich auch in humanistischen Verfahren Interventionstechniken eingesetzt werden, ist es doch in erster Linie die lebendige, Begegnung erlaubende Beziehung zwischen Therapeut und Klient, die eine Veränderung in Gang setzt.
Unterschied zu anderen Psychotherapieverfahren Am Beispiel eines wesentlichen Wirkfaktors der psychotherapeutischen Behandlung soll ein grundlegender Unterschied zu kognitiv-behavioralen und tiefenpsychologisch orientierten Verfahren verdeutlicht werden. Es handelt sich hierbei um das erlebte Vertrauen der Klienten zum Therapeuten als Hauptvariable für Erfolg, Stagnation oder Misserfolg in der Therapie Johnson und Matross So gibt es eine Reihe von Untersuchungen im lerntheoretischen Paradigma über die zur Bildung von Vertrauen notwendigen Persönlichkeitsmerkmale von Therapeuten.
Persönlichkeit und Integrität. Gleichzeitig ist dies aber auch die Basis dafür, das ebenso oft kritisierte systematische Machtgefälle in psychotherapeutischen Behandlungen aufzulösen. Therapie wird zur existenziellen Begegnung von Mensch zu Mensch, in der die Beziehung zwischen zwei oder mehreren Menschen wirkt.
Sie ist damit modellhaft für alle anderen zwischenmenschlichen Beziehungen vor, während und nach der Therapie. Humanistische Therapieverfahren Zu den humanistischen Therapieverfahren gehören in erster Linie die Gestalttherapie Fritz Perls und die Gesprächspsychotherapie, die auch klientenzentrierte bzw. Neben diesen beiden Hauptvertretern werden häufig das Psychodrama Jakob Moreno und seltener die Logotherapie Viktor Frankl genannt.
Humanistische Therapieverfahren sind aber nicht durch einen alternativen Behandlungsansatz, sondern durch einen alternativen theoretischen Hintergrund gekennzeichnet. Es ist in erster Linie das zugrunde liegende Menschenbild , das humanistische Verfahren von anderen Therapierichtungen abgrenzt.
Einleitung: Humanistische Modelle – Verhalten: Grundlagen und Modelle
Theoretisch können alle Therapieformen, die sich auf existenzialistische, phänomenologische und humanistische Wurzeln stützen, als humanistische Verfahren bezeichnet werden, unabhängig von ihren Interventionstechniken. Dabei wird die Zuordnung oft unterschiedlich gehandhabt. Körperpsychotherapie nach Reich, die Bioenergetik Lowen , die als eine vereinfachte Form des Verfahrens von Reich bezeichnet werden kann, und die Transaktionsanalyse Berne werden einerseits als humanistische, andererseits aber auch als tiefenpsychologische Ansätzen bezeichnet.
Die themenzentrierte Interaktion Cohn , die nach Ruth Cohn selbst ein eigenständiges und unabhängiges Verfahren darstellt, wird dagegen von einigen Autoren den humanistischen Verfahren zugeordnet. Wichtige Vertreter einer existenziell-humanistischen Psychotherapie sind neben dem schon genannten Viktor Frankl Rollo May, Ronald Laing und Irvin Yalom. Als frühe humanistische Beiträge zu familientherapeutischen Ansätzen sind vor allem Virginia Satir und Thomas Gordon zu nennen.
Vor allem aus diesen drei Linien entstand der Prozess-Erlebens-Ansatz von Laura Rice, Leslie Greenberg und Robert Elliott Greenberg et al. Paivio und Pascual-Leone Sozial- und methodenkritische Haltung. Aus der kritischen Haltung der humanistischen Psychologie haben sich weitreichende Auswirkungen ergeben. In den er- und er-Jahren, in denen die humanistischen Theorien besonders populär waren, herrschte eine Atmosphäre von Identitätssuche und sozialen Umbrüchen.
Das zentrale humanistische Konzept der menschlichen Begegnung, einer Begegnung, die Selbstverwirklichung, Sinnfindung und Ganzheit ermöglicht, bot sich als Alternative zu den gesellschaftlichen Zwängen an. Die Kritik an dem soziokulturellen Kontext umfasste ebenso das vorherrschende wissenschaftstheoretische Verständnis und die positivistischen Forschungsansätze dieser Jahre.
Experimentelle Methoden wurden abgelehnt, da diese den humanistischen Ideen diametral entgegenstünden; nur von Vertretern der gesprächstherapeutischen Richtung wurde konsequent eine, von Rogers intendierte, empirische Absicherung des therapeutischen Geschehens verfolgt. Diese überwiegend wissenschaftskritische Haltung führte dazu, dass bestimmte humanistische Verfahren nur begrenzte empirische Überprüfung oder Bestätigung erfahren haben z.