Karl philip moritz bedeutung psychologie
Jahrhundert — Anthropologie als Erfahrungswissenschaft 2. Der erste Teil erschien , die Teile 2 und 3 im Jahr , der vierte und letzte Teil Jahrhundert eine Aufwertung erfährt, macht zum einen deutlich, dass die Berücksichtigung der Erzählstrukturen für das Verständnis des Textes notwendig ist. Bevor sich die vorliegende Arbeit der eigentlichen Textanalyse zuwenden kann, ist daher eine Einordnung in den psychologisch-anthropologischen und literartheoretischen Diskurs der Zeit notwendig.
Sowohl im Anton Reiser als auch in der psychologischen Zeitschrift steht der Mensch in seiner individuellen, psychischen Beschaffenheit und in seinen konkreten Lebensverhältnissen im Mittelpunkt des Interesses. Diese neue Aufmerksamkeit auf den Menschen am Ende der Aufklärung steht im Zusammenhang mit der sich in dieser Zeit neu konstituierenden Anthropologie als Wissenschaft vom Menschen.
Karl Philipp Moritz Die Melancholie des Lesens
Es sollen daher die Entstehung und die Gegenstände der Anthropologie im deutschen Übereinstimmungen finden sich jedoch nicht allein auf der inhaltlichen Ebene, sondern betreffen auch die formale, erzählerische Vorgehensweise bei der Vermittlung der Psyche Antons. So kann die Programmschrift des Magazins , die Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre [8] , als theoretische Begründung der Erzählstrukturen im Anton Reiser angesehen werden.
Das Menschenbild der Erfahrungsseelenkunde offenbart sich insbesondere in der Konzeption und der Zielsetzung des Magazins sowie in der Bestimmung des Krankheitsbegriffs. Dass Moritz zur Schilderung der Lebensgeschichte Antons die Erzählform des Romans gewählt hat, ist im Kontext der Aufwertung des Romans als literarische Gattung am Ende des Jahrhunderts zu sehen.
Diese Aufwertung wiederum liegt in einer neuen Sichtweise auf den Menschen, einem Wandel im Menschenbild begründet: Das moralische Interesse am Menschen wird durch ein psychologisches abgelöst, da weniger nach dem Wert und der normativen Geltung als nach der empirischen Entstehung und Entwicklung der Meinungen, Taten und Leiden des einzelnen Menschen gefragt wird.
Die wichtigsten strukturellen und inhaltlichen Merkmale, die der Roman als anthropologisch-psychologische Gattung herausbildet, sollen in der vorliegenden Arbeit - insoweit sie für die erzählerische Vorgehensweise und die Darstellungsabsicht des Anton Reiser bedeutsam sind — anhand der Praxis Wielands und der Theorie Blanckenburgs aufgezeigt werden.
Vermittels einer Analyse des Romans wird aufgezeigt, welche gesellschaftlich-sozialen, ideologisch-religiösen und individualpsychologischen Faktoren der Erzähler für die Entstehung der psychischen Konstitution Antons verantwortlich sieht. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Kindheitsphase und die frühe Jugend Antons, da hier der Darstellung des Anton Reiser zufolge die entscheidenden Prägungen stattfinden, die den späteren Lebensweg des Protagonisten bestimmen.
Der Begriff Anthropologie ist eine neuzeitliche Schöpfung. Das Wort anthropologia existiert überhaupt erst seit dem Auf welchem Weg erfolgt die Herausbildung der Wissenschaft vom Menschen, in welcher Tradition steht sie und welcher Methoden bedient sie sich? Die Entstehung der philosophischen Anthropologie lässt sich im Wesentlich auf eine Wende zur Lebenswelt und Natur und damit auf eine Distanzierung von Metaphysik, Naturwissenschaft und Geschichtsphilosophie, d.
Jahrhundert wird Anthropologie vor allem innerhalb der deutschen Schulphilosophie Titel einer philosophischen Disziplin, die sich der Erforschung der Natur des Menschen unter verschiedenstem Aspekt widmete. Welches sind nun die Themenfelder und Gegenstände der sich neu konstituierenden Disziplin, die sich dem Menschen auf dem Weg der Erfahrung und Beobachtung zu nähern sucht?
Welche Aspekte des Menschen sind vor allem am Ende der Aufklärung Gegenstand des Interesses? Auch diejenigen Bereiche der Erfahrung sollen erfasst werden, die als nicht verstandesgestützt gelten. Hierzu gehören u. Akte der Sinneswahrnehmung, physiologische Prozesse, Empfindungen und Nervenreize. Zum Hauptthema der Anthropologie wird die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Zusammenhang von Leib und Seele:.
Anthropologie ist die neue populäre Wissenschaft des Die Besonderheit der anthropologischen Rede vom Menschen im Ernst Platner sorgt mit seiner Anthropologie für Ärzte und Weltweise von für terminologische Verbindlichkeit, indem er eine Anthropologie als Einheit von Physiologie und Psychologie fordert. Karl Philipp Moritz nimmt in seinem Beitrag zur Erforschung des Menschen die Leitprinzipien der Anthropologie des späten Jahrhundert auf.
Unter vorläufiger Aussparung von Urteil und Theorie geht es um die Beobachtung und Beschreibung des individuellen Falls. Dabei wird die Beobachtung des eigenen Ich zum bevorzugten, weil authentischsten Gegenstand der Beobachtung. Angestrebt wird eine genetische Herleitung der Krankheitssymptome zum Zwecke der Heilung. Umgesetzt findet sich diese Forderung im Anton Reiser , wo die Seelenkrankheit auf ihre erste Ursache, die Kindheitserfahrungen des Protagonisten, zurückgeführt wird.
Karl Philipp Moritz betritt mit der Herausgabe des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde das Problemfeld der menschlichen Seele und ihrer wissenschaftlichen Erforschung. Inhaltlich wie formal stellt der Anton Reiser die literarische Umsetzung erfahrungsseelenkundlicher Grundsätze dar. Im vorliegenden Kapitel soll daher das Menschenbild der Erfahrungsseelenkunde in seinen Grundzügen herausgearbeitet werden.
Ausgegangen wird hierbei im Wesentlichen von der Ankündigungsschrift, Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre [38] , in der die wissenschaftliche Konzeption und die Zielsetzungen des Magazins vorgestellt werden, sowie von den im ersten Band des Magazins abgedruckten Grundlinien zu einem ohngefähren Entwurf in Rücksicht auf die Seelenkrankheitskunde.
Der hier vertretene Krankheits- bzw. Gesundheitsbegriff liegt dem im Roman entwickelten Krankheitsbild der Figur des Anton Reiser zugrunde. Mit dieser Forderung richtet sich Moritz gegen eine vorschnelle, vernunftbestimmte moralische Beurteilung menschlichen Verhaltens. A 90f. Mehrung der Menschenkenntnis um der Vervollkommnung der Gattung Mensch willen ist das hehre Ziel, das sich Moritz mit der Inangriffnahme seines Projekts der Erfahrungsseelenkunde setzt.
Der Glaube an die prinzipielle Vervollkommnungs- und Verbesserungsfähigkeit des Menschen, der hier zu Tage tritt, steht deutlich im Zeichen des aufklärerischen Fortschrittsoptimismus. Moritz stellt einen engen Zusammenhang zwischen Beobachtung, Selbsterkenntnis und dauerhaftem Glücklichsein her. Glücklich könne der Mensch aber nur sein, wenn er geistig gesund sei.
MzE I, 1, Dies erschwert es dem Beobachter, zum Herzen vorzudringen. Wie weit mannichfaltiger, verderblicher, und um sich greifender als alle körperlichen Uebel, sind die Krankheiten der Seele! Wie weit unentbehrlicher, als alle Arzneikunde für den Körper, wäre dem menschlichen Geschlechte eine Seelenkrankheitskunde, die es noch nicht hat!
Vielleicht deswegen noch nicht hat, weil eine solche wohltätige Wissenschaft [ Die therapeutisch-pragmatische Ausrichtung des Magazins wird mit dieser eindringlichen Forderung nach einer Seelenkrankheitskunde offenbar. Moritz entwirft in den Grundlinien einen Krankheits-, bzw. Es kömmt daher nicht sowohl auf die Stärke oder Schwäche einer einzelnen Seelenfähigkeit, an und für sich betrachtet, an, als vielmehr, in wie ferne dieselbe, in Absicht aller übrigen Seelenfähigkeiten, entweder zu stark oder zu schwach ist.
Angenommen wird hier ein individueller Seelengesundheitszustand, der sich zudem im Laufe des Lebens ändern kann. Krankheit ist am je einzelnen und besonderen Menschen orientiert und kann daher als anti-normativ bezeichnet werden. Für das Jahrhundert war jedoch aufgrund seiner vernunftorientierten, moralischen Betrachtungsweise die Ansicht, dass psychopathologische Erscheinungen eine Krankheit im medizinisch-psychologischem Sinne darstellten, denen also therapeutisch zu begegnen sei, keineswegs Konsens.
Welches sind nun die Symptome der kranken Seele? MzE I, 1, 29f. AR f. AR Im vorliegenden Kapitel soll die Rolle, die die Literatur im Kontext der Entstehung der Anthropologie als Wissenschaft spielt, näher betrachtet werden. Jahrhundert stammt, als hilfreich. In diesem Begriff wird die These zum Ausdruck gebracht, dass literarische Texte einen Beitrag zur Erkenntnis des Menschen leisten können.
Zum anderen, dass zwischen literarischen Texten und philosophischen oder wissenschaftlichen Texten Verbindungen bestehen können. Dichtung etabliert sich als Medium zur Beförderung der Menschenkenntnis. Jahrhundert meint:. Als prominentes Beispiel für die Zusammenführung von Dichtung und Anthropologie gilt Christoph Martin Wielands psychologischer Entwicklungsroman Geschichte des Agathon, auf den Friedrich von Blanckenburg sich in seiner Romantheorie Versuch über den Roman bezieht.
Wielands Roman zeichnet sich durch bestimmte Merkmale aus, die ihn als beispielhaften Repräsentanten der sich um die Jahrhundertmitte etablierenden Gattung ausweisen. Seine wichtigsten Kennzeichen werden im folgenden Kapitel dargestellt. Anthropologie versteht sich im deutschen Jahrhundert als Erfahrungswissenschaft: Zu den Quellen der Wissenschaft vom Menschen gehören Erfahrungen, Beobachtungen und vor allem Selbstbeobachtungen.
Die Wahrheitsbeteuerung des erzählten Inhalts durch die Berufung auf historisch-empirische Fakten liegt zudem darin begründet, dass der Roman als literarische Ausdrucksform zu dieser Zeit noch der Rechtfertigung bedurfte. Mit dem Vorwurf des fiktional-märchenhaften Charakters, der der geforderten Naturnachahmung der Literatur entgegenstand, wurde dem Roman eine Stellung im Gattungssystem abgesprochen.
Um diesem Vorwurf zu entgehen, verpflichtet sich der Erzähler gleich eingangs zur authentischen, wahrheitsgetreuen Darstellung. Die Wahrheit [ Dieses Zitat aus dem Vorbericht zu Wielands Geschichte des Agathon gibt Aufschluss über den Gegenstand und die vom Verfasser intendierte Darstellungsweise des Romans. Im Zentrum der Darstellung stehen Charaktere, deren Entwicklung durch Nachahmung der Natur wahrheitsgetreu wiedergegeben werden soll.
Die Aufmerksamkeit ist hierbei auf den Zustand des menschlichen Herzens, die Empfindungen des Einzelnen in ihrer jeweiligen Besonderheit gerichtet. Zu den erzähltechnischen Neuerungen Wielands im deutschsprachigen Roman gehört auch die Einführung eines Erzählers, der weder mit dem Autor noch mit einer der Figuren identisch ist, sondern der reflektierend und kommentierend das Geschehen und das Innenleben der Figuren zur Darstellung bringt.
Im folgenden Kapitel soll gezeigt werden, dass die hier genannten strukturellen und inhaltlichen Merkmale auch für den Anton Reiser gelten. Sie betreffen im Wesentlichen die übergeordnete Absicht, die Verknüpfung der Episoden und die sprachliche Gestaltung. Worin dieser Weg besteht, wird im Zusammenhang mit der Frage nach den Darstellungsabsichten des Anton Reiser beantwortet werden.
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Roman und psychologische Zeitschrift stimmen nicht nur hinsichtlich ihrer methodischen Vorgehensweise, dem Zusammentragen empirischer Beobachtungen, sondern auch in Bezug auf ihre Zielsetzung, der Beförderung der Menschenkenntnis, überein. Der Erzähler des Anton Reiser nimmt die Rolle des Menschenbeobachters der Erfahrungsseelenkunde ein, wenn er sein Augenmerk auf das klein, unwichtig und nebensächlich Erscheinende richtet.
Seine eigene Vorgehensweise rechtfertigt er wie folgt:. In der Betrachtung des Zusammenspiels, der inneren Verflechtung der vielen kleinen, alltäglichen Begebenheiten und Umstände liegt für den Erzähler der Schlüssel zum Verständnis des Charakters des Menschen. Einsicht in die Ursachen der psychischen Entwicklung eines Menschen erhalte man nur, wenn man den Menschen in seinem Lebenszusammenhang betrachte und hierbei auch das noch so unwichtig und alltäglich Scheinende berücksichtige.
Für die in den Aussichten geforderte methodische Vorgehensweise des Menschenbeobachters eignet sich die epische Gattung als Darstellungsmedium besonders gut; denn diese Erzählform ermöglicht es, sowohl die Entwicklung eines Charakters in der zeitlichen Abfolge zu rekonstruieren als auch die vielfältigen Kleinigkeiten, aus denen sich der Alltag zusammensetzt, in erzählerischer Breite zu erfassen und in einen Bedeutungszusammenhang zu stellen.
So nutzt der Erzähler die häufigen Vor- und Rückblicke dazu, inhaltlich zusammengehöriges oder ähnliches Material nebeneinander zustellen und deckt damit Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen auf. Ich habe hier notwendig in Reisers Leben etwas nachholen und etwas vorgreifen müssen, wenn ich zusammenstellen wollte, was meiner Meinung nach zusammengehört.
Ich werde dies noch öfter tun; und wer meine Absicht eingesehen hat, bei dem darf ich wohl nicht erst dieser anscheinenden Absprünge wegen um Entschuldigung bitten. Aber kann es denn ein andrer sein? Können wir in die Seele eines andern blicken, wie in die unsrige? Und opfern wir uns nicht beinahe ebenso auf, wenn wir andern zum Besten, den Zustand unsrer Seele zergliedern, wie derjenige, der nach seinem Tode andern Menschen durch die Zergliederung seines Körpers nützlich wird?
Die durchgängige Erzählweise in der 3.