Gustave le bon psychologie der massen zusammenfassung
Seit der Morgenröte der Kultur sind die Völker immer dem Einfluss von Täuschungen ausgesetzt gewesen. Früher waren es religiöse, heute sind es philosophische Täuschungen — aber immer findet man diese furchtbaren Herrscherinnen an der Spitze aller Kulturen, die nacheinander auf unserm Planeten blühten.
In ihrem Namen stiegen die Tempel Chaldäas und Ägyptens, die Kirchenbauten des Mittelalters empor, in ihrem Namen wurde ganz Europa vor einem Jahrhundert umgewälzt. Es gibt nicht eine einzige unserer künstlerischen, politischen oder sozialen Anschauungen, die nicht ihren mächtigen Stempel trüge. Eine Zeitlang schien die Wissenschaft diese Aufgabe zu übernehmen.
Da ihnen aber Täuschungen unentbehrlich sind, so wenden sie sich unwillkürlich, wie die Motte dem Licht, den Rednern zu, die sie ihnen bieten. Und wenn heute der Sozialismus seine Macht wachsen sieht, so erklärt es sich daraus, dass er die einzige Täuschung darstellt, die noch lebendig ist. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.
Die Erfahrung ist so ziemlich das einzige wirksame Mittel, um der Massenseele eine Wahrheit fest einzupflanzen und zu gefährlich gewordene Täuschungen zu zerstören. Dazu muss die Erfahrung auf einer breiten Grundlage ruhen und oft wiederholt werden. Kein anderes Zeitalter hat so viele aufzuweisen. Um zu entdecken, dass man eine Gesellschaft nicht mit den Mitteln der reinen Vernunft von Grund auf erneuern kann, mussten einige Millionen Menschen hingeschlachtet und ganz Europa zwanzig Jahre lang erschüttert werden.
Um uns zu beweisen, dass das riesige deutsche Heer nicht, wie man uns vor lehrte, eine Art harmloser Nationalgarde ist, war der schreckliche Krieg nötig, der uns so viel gekostet hat. Die Wählermassen, d. Sehen wir nun zu, wie sie zu gewinnen sind. Persönlicher Nimbus kann nur durch Reichtum ersetzt werden. Talent und selbst Genie sind keine Vorbedingungen für den Erfolg. Aber der Besitz des Nimbus genügt für den Bewerber nicht zur Sicherung des Erfolges.
Der Wähler hält darauf, dass man seinen Begierden und Eitelkeiten schmeichelt. Selbstredend ist es unnötig, etwas vorbringen zu wollen, was einem Beweis ähnelt. Wir erkennen hier alle Mittel der Überredung wieder, die oben beschrieben wurden. Ausdrücke wie: der verderbliche Kapitalismus, die gemeinen Ausbeuter, der bewundernswerte Arbeiter, die Sozialisierung der Besitztümer u.
Die blutige spanische Revolution von kam durch eins jener magischen, vieldeutigen Worte zustande, das jeder nach seiner Weise deuten kann. Die Herrschaft der Tugend und des Glücks war auf Erden gegründet worden. Dann stimmte man der heiligen Zuchtlosigkeit und Selbstherrlichkeit der Soldaten Lobeshymnen an.
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Bald sah man, dass sich der Aufstand in den südlichen Provinzen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf ausbreitete. Der elendste Flecken wollte in seiner eigenen Küche kochen. Endlich ist mitten im Tumult, so gut es geht, der geschäftsführende Ausschuss eröffnet, und die Rednerbühne bleibt dem Genossen X.
Mai einberufen […] Das Losungswort war: Stille und Ruhe. Diese Worte veranlassen Redner und Zuhörer zu schimpfen, sie geraten ins Handgemenge; Stühle, Bänke, Tische spielen ihre Rolle usw. In jeder beliebigen Versammlung, und bestünde sie auch nur aus akademisch Gebildeten, nimmt die Auseinandersetzung leicht dieselben Formen an.
Ich habe gezeigt, dass die Menschen als Glieder der Masse zur geistigen Angleichung neigen, dafür werden wir jederzeit den Beweis finden. Ich glaube nicht, dass ein einziger Redner zwei Sätze ohne Unterbrechung vorbringen konnte. Wüstes Geschrei verfolgte die Störenfriede: Hinaus! Auf die Tribüne! Herr C […] überschüttet die Vereinigung mit niederträchtigen und gehässigen Beiwörtern wie: ungeheuerlich, gemein, käuflich und rachsüchtig und erklärt, er wolle sie vernichten usw.
Nach dem Eingeständnis der Geldgeber genügten drei Millionen, um die vielfache Wahl des General Boulanger durchzusetzen. Das ist die Psychologie der Wählermassen. Sie ist die gleiche wie die der andern Massen. Weder besser noch schlechter. Ich will denn auch aus dem Vorstehenden keinen Schluss gegen das allgemeine Stimmrecht ziehen.
Die Nachteile des allgemeinen Stimmrechts fallen ohne Zweifel zu sehr in die Augen, als dass man sie verkennen könnte. Der Glaubenssatz von der Herrschaft der Massen ist vom philosophischen Standpunkt ebenso wenig zu verfechten wie die religiösen Glaubenssätze des Mittelalters, aber er hat heute die unumschränkte Macht. Daher ist er ebenso unangreifbar wie einst unsere religiösen Ideen.
Man stelle sich einen modernen Freidenker vor, der durch eine magische Gewalt ins tiefste Mittelalter versetzt würde. Redner und Schriftsteller sprechen darüber mit einer Achtung und mit Schmeicheleien, die Ludwig XIV. Man muss ihm dieselbe Beachtung schenken wie allen religiösen Dogmen. Die Zeit allein wirkt auf sie.
Es wäre übrigens umso zweckloser, diese Lehre erschüttern zu wollen, als sie offensichtliche Gründe für sich hat. Gibt es nun eine einzige allgemeine Frage, wie z. Wenn also auch nur von Gelehrsamkeit strotzende Wähler den Wahlkörper bildeten, so würden ihre Abstimmungen doch nicht besser sein als die von heute. Sie würden sich vor allem durch ihre Gefühle und ihren Parteigeist leiten lassen.
Wir hätten nicht eine Schwierigkeit weniger als jetzt und obendrein die harte Tyrannei der Kasten.
PSYCHOLOGIE DER MASSEN
Der Rasseneinfluss macht sich hier wohl in einer Milderung oder Verstärkung bemerkbar, verhindert das Heraustreten dieser Charakterzüge jedoch nicht. Die gleiche völlige Einseitigkeit prägt sich auch in den Mitteln aus, die sie zur Verwirklichung ihres Traumes anwandten. In Wirklichkeit beschränkten sie sich auf die gewaltsame Zerstörung dessen, was sie störte.
Übrigens beseelte alle, Girondisten, Bergpartei, Thermidorianer usw. Über alle Fragen lokalen Interesses hat jedes Mitglied einer Versammlung feste, unverrückbare Ansichten, die durch kein Beweismittel zu erschüttern sind. In allgemeinen Fragen aber, dem Sturz eines Ministeriums, der Auflage einer neuen Steuer usw. Jede Partei hat ihre Führer, die bisweilen gleichstarken Einfluss ausüben.
Der Abgeordnete befindet sich also zwischen entgegen gesetzten Einflüssen, und es kann nicht, ausbleiben, dass er unsicher wird. Daher zeigt eine Kammer in jeder Legislaturperiode neben sehr festen Anschauungen andere, ganz unbestimmte. Führer sind offenbar notwendig, denn man findet sie als Parteihäupter in allen Ländern. Sie sind die wahren Herren der Versammlungen.
Wenn irgendein Umstand ihn aufhebt, verlieren sie jeden Einfluss. Victor Hugo bestieg die Rednertribüne. Aber er hatte keinen Erfolg. Man hörte ihn an, wie man Felix Pyat anhörte, aber er hatte nicht den gleichen Beifall. Er hatte seinen volkstümlichen Augenblick vor Eröffnung der Versammlung gehabt, in der Versammlung kam er nicht auf.
Die politischen Versammlungen sind die Stätten der Welt, wo der Glanz des Genies am wenigsten zur Geltung kommt. Man rechnet hier nur mit einer Beredsamkeit, die der Zeit und dem Ort angepasst ist, und mit Diensten, die man den Parteien erwiesen hat, nicht dem Vaterland. Als die Gefahr vorüber war, verschwand mit der Furcht auch die Dankbarkeit. Die Masse unterliegt dem Nimbus des Führers, ohne dass ein Gefühl des Vorteils oder der Dankbarkeit dabei mitspielt.
Der Führer, der über genügend Nimbus verfügt, besitzt denn auch eine fast unumschränkte Macht. Selten schreitet ein Führer der öffentlichen Meinung voran, fast immer begnügt er sich damit, ihre Irrtümer anzunehmen. Vor allem muss er den bezaubernden Einfluss der Worte, Redewendungen und Bilder kennen.
Die Führer neigen alle dazu, in die unwahrscheinlichsten Übertreibungen zu verfallen. Auf die Massen wirken solche Mittel immer. Die Behauptung ist nie zu stark, der Ton nie zu drohend. Nichts schüchtert die Zuhörer mehr ein. Durch Widerspruch fürchten sie für Verräter oder Mitschuldige zu gelten. Diese besondere Beredsamkeit hat, wie gesagt, stets alle Versammlungen beherrscht, in kritischen Zeiten ist sie nur ausgeprägter.
Zuweilen gibt es einen intelligenten und gebildeten Führer, doch das schadet ihm in der Regel mehr als es ihm nützt. Die Intelligenz, die die Verbundenheit aller Dinge erkennt, die Verstehen und Erklären ermöglicht, macht nachgiebig und vermindert die Kraft und Gewalt der Überzeugungen erheblich, die die Apostel nötig haben.
Nicht ein Gedanke, keine Wendung, kein Einfall — es ist die Langeweile in höchster Steigerung. Das sind jedoch die notwendigen Vorbedingungen, um die Hindernisse zu übersehen und um wollen zu können. Instinktiv erkennen die Massen in diesen kraftvoll Überzeugten die Gebieter, die sie brauchen. Der unbekannte Redner, dessen Rede gute Beweisgründe, aber nur Beweisgründe enthält, hat keine Aussicht, auch nur angehört zu werden.
Er schmeichelt sich, die Überzeugung, die ihn beseelt, auf die Gemüter der Hörer übertragen zu können. Jeder Widerstand wird vor der Klarheit seiner Darlegungen schwinden.
16. Jahrgang | Sonderausgabe | 16. Dezember 2013
Er spricht — und sofort wundert er sich über die Bewegung im Saale und den Lärm, der so entsteht, er ist überrascht und etwas aufgeregt. Warum wird es nicht ruhig? Welch dringender Grund veranlasst einen ändern, seinen Platz zu verlassen? Auf seinem Gesicht zeigt sich Unruhe; er runzelt die Stirn, hält inne. Durch den Vorsitzenden ermutigt, fährt er mit erhobener Stimme fort.
Dieselbe Unaufmerksamkeit. Er hört sich selbst nicht mehr, hält wieder inne, dann spricht er so gut es geht weiter, aus Furcht, sein Stillschweigen könne den peinlichen Ruf ,Schluss! Der Lärm wird unerträglich. Es war für den Adel ein ungeheures Opfer, auf seine Vorrechte zu verzichten, und doch geschah es in jener berühmten Nacht der Konstituante.