Hannah hofmann psychologie

Stellen Sie sich vor, ihr Kind kommt vom Sport nach Hause. Das Loch im Turnbeutel, das Sie eigentlich schon vor einem halben Jahr stopfen wollten, ist sauber vernäht. Auf ihm prangt ein Flicken mit fröhlichem Sommermotiv. Weder ihr Kind, der Sportlehrer noch Sie selbst haben dafür eine Erklärung parat.

Die einzig mögliche Schlussfolgerung lautet: Jemand hat sich in Abwesenheit ihres Kindes Zugang zu den Umkleidekabinen der Sporthalle verschafft, um dort die Kleidung ihres Sprösslings unter die Lupe zu nehmen und - auszubessern. Dabei folgten sie einer bestechend einfachen Strategie: In Geberlaune zu schwelgen, ohne Rücksicht auf Verluste. Erzeugt werden dabei produktive Missverständnisse, zwischenmenschliche Verstrickungen und handfeste Mysterien.

Am Ende zählen die Instinkte. Gefördert durch den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, die Kulturstiftung des Bundes - Fonds "Heimspiel", sowie die Kunststiftung NRW. Dies wird z. So können von unbekannter Hand gezahlte Schulden oder ein während des Sportunterrichts in der Umkleidekabine wie von Zauberhand geflickter Turnbeutel eher Beunruhigung als Freude auslösen oeder beim Austausch eines alten gegen ein neues Kleidungsstück leicht ein Lieblingshemd entwendet werden.

Hier ist Gutes Tun mithin nicht nur subversive Strategie, sondern auch zweifelhafte Selbstbemächtigung, die die Ambivalenz oder auch Fragwürdigkeit bestimmter Formen von Eigeninitiative, von individuellem Handeln, vor Augen führt. Miriam Dreysse. Uta Wallstab dringt in eine Turnhalle ein. Es ist frühmorgens, der Unterricht hat begonnen, aus der Ferne hört man schwach Rufe von Schülern.

Sorgsam tastet die junge Frau die Kleidung der Jungen ab, gleitet sensorisch mit ihren Händen über die Ärmel eines Anoraks, das Bein einer Hose, den Stoff eines Beutels. Kein Zentimeter entgeht ihr. Und dann findet sie, was sie sucht: durchgescheuerte Stellen, Löcher, abgerissene Knöpfe. Professionell holt sie Nadel und Faden hervor und macht sich ans Werk.

Stück für Stück bessert sie Schadhaftes aus und verschwindet unerkannt wieder aus der Halle. Gutmenschentum, Helfersyndrom oder übersteigerter Altruismus? Weder noch. Da geht Rosh Shogaziba in einen Supermarkt und lässt planvoll Menschen in der Warteschlange vor, Matthias Turowski wiederum begleicht in einem Essener Geschäft anonym die ausstellenden Schulden ihm unbekannter Menschen bis zu einer Gesamtsumme von 50 EUR.

Im Zentrum steht der Vorgang der Dokumentation. Die fünf Akteure sitzen oder stehen mit Blick zum Publikum und berichten mal ernst, mal mit wissendem Lächeln unter penibler Orts- und Zeitangabe von ihren Aktionen. Psychologie oder Handlungsmotivation spielen dabei keine Rolle. Doch in der strengen Choreografie der Abläufe, dem Gleiten von Tischen und Stühlen, den Tonschleifen der Musik liegt etwas von der Reibungslosigkeit unserer Normalität.

Damit schlägt die Stunde von Roland Görschen, der Gegenstände im Pfandhaus erwirbt und sie ihren ehemaligen Besitzern zurückgibt. Oder Mirjam Orlowsky, die Luxusgüter in die Einkaufstüten von Senioren schmuggelt. Der Witz liegt einmal darin, dass dieses unentgeltliche Handeln im herrschenden Kapitalismus plötzlich als subversiv erscheint. Und so verlässt der Betrachter diesen wunderbaren Abend mit einem unstillbaren Zweifel und einer Sehnsucht nach Beglaubigung, die ihm aber nie gewährt wird.

Westdeutsche Zeitung, 6. Ein Projekt am Schnittpunkt von Bildender Kunst, Theater und Performance. Uta Wallstab hat ihr Badezimmer liebevoll hergerichtet, Handtücher, Badezusätze herbeigeschafft. Sie — das sind wildfremde Menschen, die Uta Wallstab mittels eines Aushangs an Seniorenheimen, Bahnhöfen oder Studentenwohnheimen aufgefordert hat, ihr Badezimmer unentgeltlich zu benutzen.

Anders als bisher agieren ihre Alltagsspezialisten diesmal jedoch im Kontakt mit ihren Mitmenschen. Da geht Rosh Shogaziba in einen Supermarkt und lässt planvoll Menschen in der Warteschlange vor. Matthias Turowski wiederum tauscht anonym schadhafte Scheibenwischer an PKW aus. Es geht eher um die phantasiestiftende Dokumentation der Vorgänge. Die fünf Akteure sitzen oder stehen mit Blickkontakt zum Publikum und berichten unter penibler Orts- und Zeitangabe von ihren Aktionen.

Psychologie oder Handlungsmotivation spielen keine Rolle. Doch in der Choreografie der Abläufe, dem Gleiten von Tischen und Stühlen, den Tonschleifen der Musik liegt etwas von der Reibungslosigkeit unserer Normalität. Damit schlägt Roland Görschens Stunde, der Gegenstände im Pfandhaus erwirbt und sie ihren Besitzern zurückgibt.

Oder Mirjam Orlowksy, die Luxusgüter in die Einkäufe von Senioren schmuggelt. Der Witz liegt darin, dass unentgeltliches Handeln im Kapitalismus plötzlich als subversiv erscheint. Ein unwiderstehlicher Abend, der den Zuschauer mit Humor und Vorsatz ständig verunsichert — und den man nicht verpassen sollte. Kölner Stadt-Anzeiger, Januar Diabolisches Lächeln Wer Tischrücken und Klopfzeichen erwartet, fängt angesichts der nüchternen Bühne - Projektionswand, Tapeziertische, Sitzgelegenheiten - zurecht zu zweifeln an.

Zwei Männer und drei Frauen empfangen die Zuschauer in der Casa, der kleinen Spielstätte des Essener Schauspiels. Entspannt und für sich steht jeder da, wach, selbstbewusst, herausfordernd. In Kürze werden sich die fünf, je nach Lesart, als Wohltäter, als interessierte Erforscher gesellschaftlicher Mechanismen oder als Beinahe-Psychopathen zu erkennen geben. Zunächst jedoch setzen sie sich brav in eine Reihe und lesen vor: Tagebucheinträge einer Essener Wetterstation.

Von Lichterscheinungen ist die Rede, von Entladungen und Gewitter.

Hanna Hofmann

Die Wetterforschung also hält diesen Abend zusammen, verleiht ihm dramaturgische Geschlossenheit. Sie tragen 'privat' wirkende Kleidung, nennen sich bei ihren 'richtigen Namen' und konterkarieren mit ironisch-distanzierter Pose und gelassenem Vortrag jeden Verdacht auf theatralische Selbstverwirklichung. Genaue Zeit- und Ortsangaben in ihren Berichten über ihre 'guten Taten' dienen der vermeintlichen Verankerung in der Wirklichkeit.

Die eine wirft ihre gelesenen Zeitungen dem Nachbarn in den Briefkasten. Ein anderer erneuert ungefragt und unentgeltlich Wischerblätter einer bestimmten Automarke, während die Fahrer einkaufen.

Hanna Hofmann | Klett Cotta

Eine Reaktion der 'Beschenkten' wird höchstens im negativen Fall am Rande angemerkt, etwa wenn der Schwarzfahrer, durch eine Gruppenkarte vor einer Strafe bewahrt, ohne Dankeschön davonschlurft. Die wachsenden Grenzüberschreitungen aufseiten der Wohltäter und die behaupteten 'niederen Instinkte', die indirekt erschlossene Undankbarkeit der Beschenkten werden zu einer immer unheimlicheren Mischung, das selbstbewusste Lächeln der 'Komplizen' gewinnt diabolische Züge.

Der Höhepunkt: Die Kräfte der fünf bündeln sich in einem bezahlten Marsch für Arbeitslose. Die Teilnehmer wurden per Annonce gefunden und werden, ironischer Seitenhieb, vor dem Standbild von Alfred Krupp ausbezahlt: Da ist das Stadterforschungsprojekt besonders deutlich in der Region verankert. Nach so viel wachsendem Unbehagen beendet ein reinigendes Gewitter den Abend.

Der Bericht der Essener Wetterstation listet nur 'Sekundärschäden' auf. Danach, so vermelden die Zeugen, ist alles beim Alten, die Welt wieder in Ordnung. Die immer wieder zitierten 'Zeugen' der Wettervorkommnisse sind, wie man auf der Projektionswand sieht, die fünf 'Komplizen'. Natürlich glauben wir ihnen kein Wort mehr, Fiktionalisierung und Dokumentation, Behauptung und Irreführung erweisen sich an diesem Abend als ununterscheidbar: eine Theaterlehrstunde in Medienkunde sozusagen.

Auch das Premierenpublikum entlädt die Anspannung von knapp 90 Minuten in einem reinigenden Gewitter: donnernder Applaus. Susanne Finken. Matthias Turowski hat offenbar einen schweren Gang vor sich. Beflissen legt er alle privaten Dinge auf den Tisch: Handy, Schlüssel, Notizblock mit Stift, Geldbörse, Uhr und lose Münzen. Er trifft Vorbereitungen, als ob er ins Gefängnis ginge, und berichtet doch vom Gegenteil.

Matthias Turowski hat Gutes getan. Minutiös erzählt er, wie er in einem Essener Geschäft anonym die ausstehenden Schulden ihm unbekannter Menschen bis zu einer Gesamtsumme von 50 Euro beglichen hat. Krankhafter Altruismus oder Helfersyndrom? Seit realisieren sie Projekte am Schnittpunkt zwischen Bildender Kunst, Theater und Performance. In ihren Arbeiten untersuchen sie soziale Strukturen und Systeme nach Spielräumen für Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit.

Als Akteure ihrer Projekte schicken sie nur Laien, auch 'Alltagsspezialisten' genannt, in die Wildbahn des Alltäglichen und lassen sie die Probe aufs subversive Exempel machen. Auf der Bühne werden die subversiven Akte meist mittels Videoeinspielungen und minutiöser, sachlicher Berichterstattung in streng choreografierten Arrangements vorgestellt.

Ihnen gehen umfangreiche Recherchen, Aktionen und Dreharbeiten mit den Alltagsspezialisten voraus. Zudem hofft das Regieduo auf Nachwirkungen. Ihre Produktionen verstehen sie als 'Gebrauchsanweisung' fürs Publikum, bei der es nicht darum geht, 'die Regeln, nach denen gesellschaftliches Leben funktioniert, zu sprengen, sondern beweglich zu machen. Man liegt mit der Assoziation an Brechts Lehrstücke, die ja auch auf gesellschaftlich signifikante Verhaltensmuster zielten, nicht ganz falsch.

Den Begriff der Wissenschaftlichkeit hören die beiden allerdings nicht gerne. Sven Lindholm spricht von 'Forschung' oder 'Phänomenologie'. So wie ihre 'Alltagsspezialisten' das Verhältnis von Individualität, Bühnenrolle und sozialer Rolle zum Tanzen bringen, so sind die subversiven Akte nicht wirklich zu beglaubigen. Es ist nicht zu klären, ob hier Erfundenes authentifiziert oder Wirklichkeit fiktionalisiert wird.

Ihre Alltagsspezialisten arbeiten sich diesmal nicht an gesellschaftlichen Strukturen, sondern, indem sie Gutes tun, an anderen Menschen ab. Wenn sich die 'Alltagsspezialistin' Uta Wallstab in eine Turnhalle begibt und vorsätzlich Löcher und schadhafte Stellen in der Kleidung Jugendlicher ausbessert, dann ist das, so Hannah Hofmann, 'vorauseilender Dienst am Nächsten'.

Jeder erwarte doch eigentlich, wenn er etwas Gutes tue, eine Gegenleistung. Insofern, ergänzt Sven Lindholm, ist 'Gutes tun ohne erwartetes Gegenhandeln im Kapitalismus subversiv'. Hans-Christoph Zimmermann.