Fu berlin kritische psychologie
Möglichkeiten postmoderner kritischer Psychologie. Es hat so etwas gegeben wie eine kritisch-psychologische Bewegung. Diese Szenerie ist in Auflösung begriffen. Herausgeber und Redakteure begründen diesen Schritt, indem sie einen 'Verfall einer gesellschaftskritischen Psychologie' behaupten. Sie verweisen u. Als einzige 'resistent gegen die meist geräuschvoll vollzogenen postmodernen Aktualisierungen Kategorialsystem verpflichtet' bliebe.
Nehmen wir als Indiz: Etwa zeitgleich mit dieser Philippika erschien ein Heft von 'Psychologie und Gesellschaftskritik' mit dem Schwerpunktthema 'Technik und Erotik'. Die neuen Technologien könnten Diskurspraktiken formen, in denen sich Subjektivität den technischen Modalitäten entsprechend andersartig neu bildet. Die Grenzlinien Dann würden Brüche überkommener Diskurse ins Spiel kommen.
Fried u. Einer solchen Einschätzung möchte ich - fast spiegelverkehrt - meine These gegenüberstellen: Die systematische Verbindung von kritischer Psychologie und Gesellschaftskritik stellt eine lokale und temporäre Besonderheit dar, was, obschon zu Zeiten gut begründet, die deutschsprachige kritische Psychologie gegenüber anderen relevanten Diskursen mit kritischem Potential isoliert hat.
Dem dort noch einmal unternommenen Versuch, konzeptionell auf einer Einheit von Psychologie- und Gesellschaftskritik zu beharren, stehen inzwischen - und das ist gut so - Auflösungstendenzen gegenüber, die sich als Vielfalt und Paralogien dem zeitgenössischen Denken eingeschrieben haben. Die damit verbundene Krise, auch wenn sie einen Verfall von in zwanzigjähriger Arbeit errichteten Theoriegebäuden und Anschauungsweisen bewirkt hat, könnte heilsam sein.
Zunächst möchte ich an die Umstände erinnern, unter denen kritische Psychologie entstanden ist. Es war die westdeutsche Studentenbewegung, in der, verbunden mit der Revolte gegen als repressiv empfundene tradierte Lebensformen und imperialistische politische Herrschaft, das Bedürfnis formuliert wurde, intellektuell die Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen 'falsches Leben' möglich und zwingend geworden war, um sie zu verändern und damit an der Wurzel jener Verhältnisse die Voraussetzungen schlechter Praxis aufheben zu können.
Jene waren durch das Zuschlagen der Nazis unerledigt geblieben. Sie wollten der ökonomischen, politischen und kulturellen Hegemonie des konservativen Bürgertums Vorstellungen vom gesellschaftlichen Fortschritt entgegenhalten. Verbreitet suchten und praktizierten sie Möglichkeiten geistiger und kultureller Arbeit im antikapitalistischen und antifaschistischen Kampf.
Daran wurde in der Studentenbewegung angeknüpft. Psychologen konnten u. Brückner Um meinte man allerdings auch: dies sei weiterdenken, vor allem müsse man sich verbinden mit revolutionären proletarischen Bewegungen Anm. Als gesellschaftswissenschaftliche Referenz dienten die Schriften von Marx und Engels.
Auf diese Weise wurde die intellektuelle politische Auseinandersetzung mit den 'bürgerlichen Verhältnissen', wie sie es in hilfloser Allgemeinheit oft nannten, geführt. Auch eine Variante kritischer Psychologie hat hier ihren Ursprung: die institutionelle und konzeptionelle Kritik der Psychologie als bürgerliche Wissenschaft, deren Verkehrtheit, deren Widersprüche sie als historisch und gesellschaftlich beschränkt aufweisen würde, ein zu denunzierender Prozess mit punktuellen Ansatzpunkten zu emanzipatorischer Arbeit vgl.
Rexilius Andere, durch spezifische institutionelle Umstände ermuntert Anm. Das war der Weg, den Klaus Holzkamp und seine MitstreiterInnen in Berlin einschlugen cf. Tolman und Maiers Den beiden hier genannten Varianten war, trotz vieler Differenzen, der Bezug auf die marxistische Gesellschaftstheorie gemeinsam.
Für sie, wie für die Gesamtheit der westdeutschen kritischen PsychologInnen, galt in den 70er und bis in die 80er Jahre hinein ein paradigmatisch zu nennendes Einverständnis von der Einheit von Psychologie und Gesellschaftskritik. Der Rückgriff auf die wissenschaftlichen Arbeiten der intellektuellen Linken der Vor-Nazi-Zeit und das umstandslose Aufgreifen der marxistischen Klassiker war der jüngeren deutschen Geschichte geschuldet: Es war eine, wahrscheinlich notwendige, Nachholbewegung.
In Westdeutschland hatte Marx über drei Jahrzehnte nicht zur Spache kommen können, war von einer sozialen und diskursiven Bewährung ausgeschlossen worden. Das ermöglichte seine idealisierte Wiederkehr, eine Wiederkehr des Verdrängten. Sie wollten die Erfahrungen und Einsichten von Intellektuellen anderer Länder, die diese in ihren jeweiligen Kontexten mit ihrem praktizierten Marxismus oft schmerzhaft hatten vollziehem müssen, nicht zur Kenntnis nehmen.
Das PI in Berlin: Wissenschaftskritik und Institution | SpringerLink
Hier wäre vor allem zu nennen: die Veränderungen im Denken der in den 30er Jahren zur Emigration aus Mitteleuropagezwungenen marxistischen Sozialwissenschaftler und Psychoanalytiker der Strukturalismus, die Entwicklung zum Poststrukturalismus und Dekonstruktionismus in Frankreich: fast alle der dortigen Protagonisten hatten ihre Erfahrungen mit marxistischen Theorieansprüchen und revolutionären Aktivitäten gemacht und in Diskurse eingebracht, wo sie allenfalls nur noch fraktioniert und enttotalisiert aufschienen.
Die meisten westdeutschern Intellektuellen der endsechziger und siebziger Jahre, unter ihnen die kritischen Psychologen aller Spielarten, nahmen das erst spät, nach dem Abklingen ihrer Marx-Fixierung nach und nach zur Kenntnis. Wenn Derrida von Marx' Verfügungen spricht, verweist er auf die 'gespenstischen' Spuren von Marx, die als solche eingeschrieben sind in die Geschichte der Intellektuellen in Frankreich.
Wir Deutschen haben eine zeitlang Marx verdinglicht. Es drängt sich auf zu sagen: ihm ein Totem errichtet. Kritische PsychologInnen neigen dazu, gegen nicht-marxistische Zeitdiagnosen in der Form von psychologischen und philosophischen Dekonstruktionen des gesellschaftlichen Subjekts 'wahre' Zusammenhänge zu behaupten.
Kritische Psychologie: Forschung vom Standpunkt des Subjekts
Der Habitus ist der des Beharrens - in eigenartigem Kontrast zum Impetus des Veränderns, der sich aus den kritischen Lehren ergeben sollte. Diesen Habitus wage ich als linken Konservatismus zu bezeichnen. Er mag einige Zeit seine Begründung aus der Notwendigkeit eines forcierten Nacharbeitens bezogen haben. Dieser, den spezifischen historischen Kontexten geschuldete Habitus, hat auch sein theoretisches Gesicht.
Dies soll anhand eines Ausschnitts aus Holzkamps Kategorienlehre in seiner 'Grundlegung der Psychologie' Holzkamp , im folgenden S. Demnach 'begründet' das Subjekt sein Handeln entsprechend den Möglichkeiten, die sein unmittelbarer Erfahrungsraum mit seinen meist gebrochenen, 'verkehrten' Verweisungen auf gesellschaftliche Bedeutungen bietet. Dieser sogenannte 'Begründungsdiskurs', den nur das jeweilige Subjekt sprechen kann, ist nicht hintergehbar.
Jedoch verfängt er sich unter kapitalistischen Verhältnissen in den Einschränkungen der 'Unmittelbarkeit'. Hier ist den Menschen die Verfügung über die materiellen und sozialen Bedingungen, unter denen sie handeln können, entzogen. In der ihnen unmittelbar nur möglichen 'restriktiven Handlungsfähigkeit' praktizieren sie Selbstunterdrückung.
Jenen mittelbaren gesellschaftlichen Zusammenhang schrittweise wiederherzustellen, durch die Widersprüche und Verweisungen der unmittelbaren Bedeutungsstrukturen hindurch, ist prinzipiell via gemeinsames Handelns möglich. So könnte letztlich die Verfügung über die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Handelns gewonnen werden. Das Ziel wäre die Emanzipation von den gesellschaftlichen Restriktionen der subjektiven Handlungsfähigkeiten, was die Überwindung restriktiver Gesellschaftsformationen implizieren würde.
Nur: wer weist den Weg? In der psychologischen Praxis, etwa als Berater, Therapeut, Lehrer oder als Autor einer kritischen Abhandlung ist es: der Kritische Psychologe, der einen die Widersprüche der Bedeutungsverweisungen markierenden, sowie sie potentiell aufheben könnenden Wissens- und Handlungsvorsprung hat. Ein solches Besser- Wissen um die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Existenzerhaltung jenseits der unmittelbar anschaulichen Zusammenhänge je individueller Lebensbedingungen, ein Wissen um die gesamtgesellschaftliche Synthese der Bedeutungsstrukturen, ist die Option der Kritischen Psychologie.
Eine solche Haltung ist eben auch der Kritischen Psychologie eingeschrieben, als scharfes Paradox zu ihrer prinzipiellen Anerkennung der Unhintergehbarkeit subjektiver Begründungsmuster Anm. Soll sie, als ein in unserer Disziplin noch einmal gewagter Entwurf im Geist der Moderne, zu den Akten der Geschichte gelegt werden? Ich möchte nicht in diese Richtung argumentieren.
In ihnen scheinen Differance und Paralogien auf, die uns auf Spuren jenseits von System und sinnstiftender Ordnung führen können. Dies entspräche zwar nicht der Erwartung einer Utopie eines festzuschreibenden emanzipativen Fortschritts, würde aber die Chance eröffnen, sich aus den Zwängen illusionärer Handlungsziele zu befreien. Ergäbe dies nicht eine aktuell in Erwägung zu ziehende Beweglichkeit, mit der gegen Selbstunterdrückung Handlungsfähigkeit zu gewinnen wäre?
Auch könnten Kritische PsychologInnen durch dekonstruktionistisches Denken auf Spuren von Brüchen ihres kategorialen Systems selbst verwiesen werden. Es wird in der Kategorie des Restriktiven das Nicht-Restringierte enthalten sein - als das Andere seiner selbst, das nicht in der einfachen Opposition der 'Verallgemeinerung' aufzuheben ist.
Postmodernem Denken wird von Kritischen PsychologInnen meist Beliebigkeit vorgeworfen: in diese Opposition begiebt sich Kritische Psychologie. Wissen verpflichtet, Wahrheit ist verbindlich Anm 4. Holzkamp hat mit seiner subjektwissenschaftlichen Psychologie ein gedankliches System von hermetischer Folgerichtigkeit, Widerspruchsfreiheit und Universalität entworfen.
Produktion und Reproduktion von Gesellschaft durch die gesellschaftlichen Subjekte soll in ihm philo- onto- und aktualgenetisch zu Ende gedacht, auf den Begriff gebracht sein. In praktischer Hinsicht soll Kritik an vorgefundener Psychologie nach Holzkamp zu 'mehr Wissenschaftlichkeit' führen. Er stellt definite Normen wissenschaftlichen Denken und Handelns auf, die sich ebenfalls konsequent aus seinem kategorialen System ergeben.
Nach der Lehre der Kritischen Psychologie Holzkamps handeln Subjekte, das sind auch Forscher und wissenschaftlich angeleitete psychologische Praktiker, entsprechend ihren subjektiven Möglichkeitsräumen, deren Beschränkungen sie zielgerichtet überwinden können und sollen. Das Wie und Wohin dieser Prozesse hat sich in Beschreibung und Analyse strikt aus der konzeptionellen Vorgabe der subjektwissenschaftlichen Kategorien zu ergeben.
Holzkamps Kritische Psychologie imponiert als ein geschlossenes epistemologisches System. Diese Art kritischen Denkens und Handelns gleicht dem, was Michel Foucault in seinem Vortrag 'Was ist Kritik? In einer solchen Diskursbewegung werden die einschlägigen Dispositive der Macht eher verstärkt denn durchlöchert. Kritische Psychologie gründet sich nicht nur in den besseren Traditionen deutscher Wissenschaft, sie vollzog auch aufs Neue die von Foucault beschriebene Bewegung.
Im speziellen Fall, einem Teil der Vorstellungen der aufbegehrenden akademischen Jugend Westdeutschlands entsprechend, war ein unterbrochener Diskurs der wissenschaftsförmigen Vernunft aufs neue eingefordert und weitergeführt worden. Ich möchte dies als konservative Verankerung bezeichnen.
Martin Fries « Ferienuni Kritische Psychologie
Es ging aber auch anders unter deutschsprachigen kritischen Psychologen. Die Nennung zweier derartiger Varianten, der von Heiner Keupp begründeten Reflexiven Sozialpsychologie sowie der Art kritischer Psychologie, wie sie in der Zeitschrift 'Psychologie und Gesellschaftskritik' ihr Kommunikationszentrum gefunden hat, darf hier genügen Anm.
Die Reflexive Sozialpsychologie hat sich aus gemeindepsychologischen Erfahrungen heraus entwickelt. Der üblichen therapeutischen, klinisch-psychologischem Praxis, in der über das Defizitäre das Gesunde normiert wird, setzt sie ein kommunitäres Empowerment als professionelle Strategie entgegen. Anfängliche Versuche, diese mittels symbol-interaktionistischer oder marxistisch-sozialpsychologischer Systeme zu ordnen, konnten als den Verhältnissen inadäquat nicht aufrecht erhalten werden.
Seit Mitte der 80er Jahre drängten sich ihnen postmoderne Sichtweisen auf. Es werden fragmentierte Lebenswelten mit ihren Chancen und Risiken als theoretisch und praktisch unhintergehbar gesehen, die Erzählungen vom 'proteischen', sich im vielfältigen Wandel nicht sich selbst finden könnenden Selbst, als Deutungsangebote unserer Zeit hingenommen. Diese kritischen PsychologInnen haben sich vom Systemdenken nicht in epistemologischer Auseinandersetzung sondern vorwiegend über die Reflexion der Erfahrungen professioneller Arbeit gelöst.
Obgleich ihre Arbeit durchaus Wissenschaftskritik evoziert, speist sie sich primär aus der Quelle professionell vermittelter Alltäglichkeit. Die redaktionelle Arbeitsweise dieser Zeitschrift begünstigte vom Beginn ihres Erscheinens an eine Offenheit, die sich der Festlegung auf eine politische Linie, auf eine wissenschaftliche Lehrmeinung oder gar auf ein kategoriales System entzog.
Es wurden AutorInnen aufgefordert Arbeiten einzureichen, die sich mit den Verhältnissen ihrer Lebens- und Arbeitswelten kritisch reflektierend auseinandersetzten. Über die Veröffentlichung wird in Redaktionskonferenzen von einem heterogen zusammengesetzten Redaktionskollegium entschieden. Mehrere Themenhefte 'Frauen und Psychologie' verteilen sich über die Laufzeit der Zeitschrift.
Kritik verstand sich hier als Denunziation und Dekonstruktion von heteronomer Macht, Utopie entwickelte sich kleinteilig an den Bruchlinien der Diskurse. Der Bezug auf Gesellschaft als fundamentale Relation ging allerdings, und das erscheint im Nachhinein betrachtet als folgerichtig, verloren.
Eine marxistische Gesellschaftswissenschaft als unifizierende Grundlage war nicht mehr tauglich. Der kritische Impetus realisierte sich in der zu Beginn dieses Artikels zitierten Weise: als 'Wagnis, Brüche überkommener Diskurse ins Spiel zu bringen, als Versuch noch nicht Eindeutiges aufscheinen zu lassen' Psychologie und Gesellschaftskritik, , 4f.
Vielleicht eine Form der 'Entunterwerfung', die Foucault als den Kern der kritischen Haltung beschreibt.