Frühkindliche entwicklung psychologie

Der Säugling strampelt, die Mutter beruhigt ihn. Der Säugling brabbelt, die Mutter brabbelt zurück. Die Mutter lacht, der Säugling strahlt. Nur Mimik, Gestik und Laute sind im Spiel. Aber der Dialog zwischen Babies und Müttern kann unglaublich intensiv sein, so als wären sie miteinander verwachsen. Ein erstaunliches Wechselspiel, das lange vor der Zeit stattfindet, in der das Kind Ich zu sich sagt.

Colin Trevarthen von der Universität Edinburgh, ein Pionier der Säuglingsforschung, ist daher davon überzeugt, dass am Anfang der Entwicklung eines Menschen das Wir steht. Das Ich eines Babies bildet sich in enger Verbindung mit der Mutter. Die Babies waren dabei sehr rege, achtsam und aufnahmefähig. Ab dem zweiten Monat konnten sie wirklich gut mit ihren Müttern kommunizieren.

Wir suchten dann nach einem passenden Begriff dafür und übernahmen das Wort Intersubjektivität von dem Philosophen Jürgen Habermas.

Entwicklungspsychologie

Wir sprechen von einer angeborenen Intersubjektivität. Trennung von Ich und Wir erst ab dem fünften Lebensjahr. Der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas geht davon aus, dass jeder Mensch eng auf andere angewiesen ist und seine Identität nur gemeinsam mit diesen ausbilden kann. Ähnlich hat der Philosoph Martin Buber bereits Anfang des Jahrhunderts davon gesprochen, dass jedes Ich ein Du braucht, um sich zu entwickeln.

Die Säuglingsforschung hat bereits gute Belege für diese Theorien geliefert. Nun konnte die Psychologin Henrike Moll von der University of Southern California zusätzlich zeigen, dass Kinder sogar bis zum fünften Lebensjahr auf ein Wir hin orientiert sind. Sie interessierte sich für ein Phänomen, das jeder von kleinen Kindern kennt, wenn sie Verstecken spielen.

Aber was man auch gleichzeitig findet ist, dass kleine Kinder wahrscheinlich schlecht darin sind, Verstecken zu spielen. Lange Zeit interpretierten Psychologen das so, als seien die Kinder nur auf sich selbst bezogen. Die Experimente von Henrike Moll belegen jedoch, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Denn die Kinder ziehen den gleichen Schluss, wenn andere Personen die Augen verdecken:.

Und wir haben argumentiert, dass die Kinder ein beidseitiges Verständnis von Personenwahrnehmung haben. Anscheinend gibt es im Denken der Kinder tatsächlich ein gemeinsames "Wahrnehmungs-Wir". Und zwar auch dann, wenn sie selbst gar nicht beteiligt sind. Denn die Kinder sagen auch, dass sich zwei andere Menschen gegenseitig nicht sehen können, wenn nur einer die Augen geschlossen hat.

Und das betrifft auch andere Sinne. Moll konnte zusätzlich belegen, dass diese Art der Wahrnehmung nur in bezug auf andere Personen gilt, nicht in bezug auf Sachen. Henrike Molls Schlussfolgerung: Kinder sind in ihrem Personenverständnis auch nach dem Säuglingsalter noch stark von einem Wir-Denken geprägt, sie sind Beziehungswesen. Von Anfang an auf andere Menschen bezogen.

Entwicklungspsychologische Aspekte frühkindlichen Lernens

Diese Unterscheidung müssen die Kinder aber erst allmählich lernen, und zwar wieder in gemeinsamen Situationen mit erwachsenen Personen. Diese Befunde passen erstaunlich gut zur Resonanztheorie des Menschen, die der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa vor kurzem aufgestellt hat. Unter "Resonanz" versteht Rosa jegliche Form von elementarer Anverwandlung zwischen Menschen.

Es gibt etwas, was beide auf gleiche Weise "schwingen" lässt - wir sehen beide etwas oder wir sehen beide nichts. Diese innere Resonanz lässt ein gemeinsames Ganzes entstehen, ein sinnliches, spürbares Wir, das dem Ich zugrunde liegt.

Gehirnentwicklung im Kleinkindalter: Konsequenzen für die frühkindliche Bildung

Sie sind von Anfang bezogen auf Welt und auch auf 'signifikante Andere', also auf Menschen, die mit ihnen in ein 'Verantwort-Verhältnis' treten, sodass ich sagen will, Resonanzbeziehungen sind das primäre, sie gehen allem anderen voran, sie gehen sogar dem Subjekt voran. Die eigene Perspektive wächst aus der geteilten Wir-Perspektive heraus.

Henrike Molls empirische Studien haben die Belege für solche Beziehungstheorien des menschlichen Subjekts noch einmal erweitert. Und sie stützen Theorien wie die von Hartmut Rosa, die den Gedanken der Inter-Subjektivität noch einmal radikalisieren und von einer fundamentalen, sinnlich geprägten Resonanzbeziehung zwischen menschlichen Wesen ausgehen. Lange Zeit bleibt die Wir-Wahrnehmung nach Henrike Moll das Fundament, auf dem Kinder in die soziale Welt hineinwachsen.

Erst ab dem fünften Lebensjahr wird es für sie sozusagen zur zweiten Natur, die Perspektiven des Ich und des Du klar voneinander zu trennen. Das lernen sie zu verstehen, das ist aber so eine Art Ernüchterungsprozess. Wie stark wirkt sich das auf die Wir-Orientierung des Erwachsenen aus, die ja nicht völlig verschwindet?

Werden hier auch die Weichen gestellt für die Persönlichkeitsentwicklung, etwa ob jemand zum Egozentriker wird oder sozial eingebunden bleibt? Das sind Fragen, die die neuen Befunde aufwerfen und auf deren Beantwortung man gespannt sein darf.