Undifferenziertes verhalten psychologie

Bindung gilt als ein motivational angelegtes, überlebenswichtiges Bedürfnis des Menschen. Man unterscheidet zwischen organisierten sicheren und unsicheren sowie desorganisierten Bindungsqualitäten. Zusätzlich können in den psychiatrischen Klassifikationssystemen klinisch verschiedene Typen von Bindungsstörungen unterschieden werden. Diese Bindungsstörungen sind mit einer frühen emotionalen Störung des Kindes verbunden, mit weitreichenden Folgen für die gesamte Entwicklung bis in die Psychopathologie von Erwachsenen.

Im vorliegenden Beitrag werden die Ätiologie, die Grundlagen der Diagnostik sowie die Auswirkungen der Störung dargestellt. Attachment is a motivational force that is important in the survival needs of human beings. A distinction is made between organized securely and insecurely and disorganized attachment qualities. In addition, psychiatric classification systems enable us to diagnose clinically different types of attachment disorders.

These attachment disorders are associated with early childhood emotional disorders that have far-reaching consequences for the complete personal development up to psychopathology in adults. The article examines the etiology, fundamentals of the diagnostics and effects of the disorder. Finally, treatment modalities are considered. Die Bindungsentwicklung ist nach John Bowlby — , dem Begründer der Bindungstheorie, ein genetisch angelegtes motivationales Bedürfnis , das zum Überleben eines Kindes und auch des Erwachsenen absolut notwendig ist.

Wenn Kinder mit einer sicheren Bindungsqualität Angst erleben, versuchen sie durch ihr Bindungsverhalten — wie z. Protest, dem Erwachsenen folgen, rufen, weinen und anklammern — ihre Bindungsperson auf sich aufmerksam zu machen und Nähe zu ihr herzustellen, um auf diese Weise bei ihr Schutz und Sicherheit zu erleben. Dieses sichere Bindungsmuster gilt in der Bindungsforschung allgemein als ein Resilienzfaktor.

Er schützt vor der Entwicklung einer Psychopathologie. Dagegen stellen unsicher-vermeidende sowie unsicher-ambivalente Bindungsmuster Risikofaktoren dar. Kinder mit einem unsicher-vermeidenden Bindungsmuster zeigen eine Verhaltensstrategie, mit der sie sich an das zurückweisende Verhalten ihrer Eltern, die auf ihre Bindungssignale hin erfolgten, durch Vermeidung anpassen. Sie haben gelernt, dass das Signalisieren von Nähewünschen von ihren Eltern eher mit Abweisung beantwortet wird.

Unsicher-ambivalent gebundene-Kinder dagegen wissen, dass ihre Signale und ihr Suchen nach Schutz und Sicherheit von den Bindungspersonen mit ängstlichem Verhalten beantwortet werden. Die organisierten Muster sicher, vermeidend, ambivalent gelten als Strategien, mit denen sich die Kinder schon im ersten Lebensjahr an die Reaktionen ihrer Bindungspersonen angepasst haben.

Hierbei können bei den Kindern in Situationen, die ihnen Angst machen und ihr Bindungsverhalten aktivieren, widersprüchliche Verhaltensweisen — wie zur Bindungsperson hinlaufen, stehen bleiben, umkehren, Einfrieren der Bewegung, motorische Stereotypien — beobachtet werden. Dieses Verhalten wird einerseits bei kindlichem Risiko z. Wenn es dagegen schon im Säuglings- und Kleinkindalter zu lang andauernden, häufigen Traumatisierungen des Kindes durch seine Bindungspersonen gekommen ist, entwickeln Kinder im weiteren Verlauf häufig Bindungsstörungen.

Die werden als frühe emotionale Psychopathologie angesehen. Die Entstehung von Bindungsstörungen wird ätiologisch auf Traumata — wie die frühen Erfahrungen des Kindes von Misshandlung, Missbrauch, Gewalt und extremer Vernachlässigung durch Bindungspersonen — zurückgeführt. In klinischen Stichproben finden sich bei Bindungsstörungen tiefgreifende Veränderungen und Deformierungen in der Bindungsentwicklung.

Die umfassendsten Erkenntnisse über die Entwicklung und die Entstehung von Bindungsstörungen stammen aus den längsschnittlichen Untersuchungen über die emotionale Entwicklung von Säuglingen und Vorschulkindern. Dies waren unter den Bedingungen schwerer früher Deprivation in rumänischen Heimen aufgewachsen und wurden dann von englischen und kanadischen Familien adoptiert. Die Längsschnittstudien zeigen, dass diese Kinder teilweise auch viele Jahre später noch unter den Symptomen ausgeprägter reaktiver Bindungsstörungen mit zusätzlichen Störungen in Bezug auf das Aufmerksamkeitsdefizit-und Hyperaktivitätssyndrom ADHS sowie unter solchen Verhaltensweisen litten, die einer Autismus-Spektrum-Störung ähnelten [ 2 ].

Man kann davon ausgehen, dass Bindungsstörungen mit einer sehr niedrigen Prävalenz auftreten. In der ersten epidemiologischen Studie von Pritchett et al. Diese waren sehr differenziert mithilfe verschiedener Instrumente einem Screening auf Bindungsstörungen unterzogen worden. Bei fast allen Kindern mit der Diagnose Bindungsstörung konnte im Rahmen der weiteren Diagnostik Vernachlässigung und Misshandlung in der Lebensgeschichte erhoben werden.

Allerdings wurden in manchen Untersuchungen der Begriff und die Diagnose Bindungsstörung unspezifisch und undifferenziert für viele Formen von emotionalen Schwierigkeiten angewendet. Beim Typ II F In sämtlichen Diagnosesystemen gibt es kein übergeordnetes Erklärungsmodell. Dies ist erstaunlich, denn schon in früheren Jahren wurden vor dem Hintergrund der Bindungstheorie Typologien von Bindungsstörungen beschrieben, die aber in die oben angeführten Klassifikationssysteme bis heute keinen umfassenden Eingang gefunden haben.

Brisch [ 6 ] hat eine erweiterte Typologie von Bindungsstörungen beschrieben, um klinisch hoch auffälliges Bindungsverhalten differenzierter zu erfassen. Der Gewinn dieser differenzierteren zusätzlichen Einteilung besteht darin, dass der Kliniker bei entsprechender Symptomatik an Bindungsprobleme und Traumatisierungen des Kindes denken kann. Hierzu zählen etwa Kinder, die gar keine Anzeichen von Bindungsverhalten zeigen auch wenn sie maximal gestresst und in Panik sind , Kinder mit Unfallrisikoverhalten, übersteigertem Bindungsverhalten, aggressivem Bindungsverhalten, Bindungsverhalten mit Rollenumkehr, Bindungsstörung mit Suchtverhalten und Kinder mit psychosomatischen Reaktionen auf eine extreme Bindungstraumatisierung.

Bei Kindern mit einer Bindungsstörung werden ganz erhebliche Veränderungen im Verhalten gegenüber den verschiedensten Bezugspersonen beobachtet. Diese Verhaltensweisen treten nicht nur situativ auf, sondern sind als stabiles Verhaltensmuster über einen längeren Zeitraum hinweg in verschiedenen Situationen als pathologische Verhaltensweisen zu beobachten.

Bindung (Psychologie)

Eine Bindungsstörung sollte nicht vor dem 8. Lebensmonat diagnostisch überlegt werden. Es wird vorgeschlagen, dass psychopathologische Auffälligkeiten mindestens über einen Zeitraum von 6 und mehr Monaten mit verschiedenen Bindungspersonen bestehen und die pathologischen Bindungsverhaltensweisen schon vor dem 5. Lebensjahr auftreten müssen [ 6 ].

Grundsätzlich ist die enge Zusammenarbeit in der Diagnostik zwischen Pädiatern, Kinder- und Jugendpsychiatern, Pädagogen sowie Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten dringend erforderlich. In einer Studie von Pritchett et al. Symptome der Autismus-Spektrum-Störungen könnten mit dem Muster der reaktiven Bindungsstörungen mit Hemmung des Bindungsverhaltens verwechselt werden.

Anamnestische Angaben über den Beginn der Verhaltensstörung und ihr Auftreten — nur in bindungsrelevanten Situationen wie bei Bindungsstörungen oder eher generalisiertes Auftreten wie bei autistischen Störungen — sind zur Differenzierung erforderlich. Sie können in einer Kombination aus klinischem Interview mit den Eltern sowie aus zusätzlich angewandten Fragebogen erhoben werden.

Bei einigen Kindern ist die Unterscheidung allerdings schwierig und benötigt klinisch erfahrene Untersucher und eine Verlaufsbeobachtung , die manchmal über mehrere Monate erfolgen muss. Es existieren verschiedene diagnostische Möglichkeiten, um Bindungsverhalten und Bindungsmuster zu ermitteln [ 6 ]. Kinderärzte könnten erste Anzeichen und Hinweise auf eine Bindungsstörung entdecken.

Die spezifische Diagnostik , evtl. Kinder- und Jugendpsychiater und Kinderpsychotherapeuten oder in sozialpädiatrischen Zentren erfolgen. Verhaltensbeobachtung mit verschiedenen Bindungspersonen in der Exploration, z. Zu allen Punkten sind fremdanamnestische Angaben , sowohl von den Bindungspersonen selbst als u.

All diese können zu Entwicklungsverzögerungen oder auch Verhaltensauffälligkeiten führen, wie sie ebenfalls bei bindungsgestörten Kindern zu beobachten sind. Die Diagnose Bindungsstörung kann bereits bei 12 Monate alten Kindern gestellt werden; weitere Beobachtungen und Untersuchungen des Kindes im zweiten Lebensjahr sind aber noch zur Sicherung der Diagnose erforderlich.

Das bindungsgestörte Verhalten zeigt sich bereits mit 12 Monaten in ängstigenden Alltagssituationen. Sehr auffällige Störungen der elterlichen Feinfühligkeit in den frühen Interaktionen mit ihrem Säugling können Vorläufer von Bindungsstörungen sein, wie Längsschnittstudien zeigen [ 7 ]. Störungen in der Eltern-Kind-Interaktion können am besten mithilfe von Videoaufzeichnungen diagnostiziert werden.

Die Diagnostik der elterlichen Feinfühligkeit mit der Skala von Ainsworth [ 8 ] ist eine qualitative Einschätzung, die bei Bedarf durch mikroanalytische Methoden ergänzt werden kann. Ebenso können die Einschätzungen mithilfe der Emotional Availabilty Scale EAS von Biringen et al. Die Qualität der Bindungsentwicklung wird mithilfe der von Ainsworth et al.

Diese kann etwa ab dem Lebensmonat durchgeführt werden und ist bis zum Lebensmonat valide. Sie besteht aus verschiedenen Episoden von Trennung und Wiedervereinigung. Das Verhalten des Kindes kann in den jeweiligen Reaktionsweisen gegenüber den Bindungspersonen analysiert und in Form der beschriebenen Bindungsqualitäten sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent, desorganisiert klassifiziert werden.

Es besteht allerdings keine spezifische Auswertungsklassifikation für Bindungsstörungen. Zur Diagnostik können jedoch die klinischen Auffälligkeiten im kindlichen Verhalten in der fremden Situation herangezogen werden. Die Bindungsperson verlässt kurz den Raum, und das Kind bleibt mit der fremden Person zurück. Verhält sich das Kind in der Trennungssituation z.

Die Untersuchung kann nicht im Alltag einer kinderärztlichen Praxis durchgeführt werden. Wenn z. So kann in den entsprechenden Trennungssituationen auch bindungsgestörtes Verhalten beobachtet und den zuvor genannten ICDCodes zugeordnet werden. Eine Bindungsstörung mit Hemmung wird z. Für diese Altersgruppe gibt es als Diagnoseinstrument verschiedene Puppenspiele , die den Kindern Geschichten mit bindungsrelevanten Hinweisreizen anbieten [ 12 ].

Die Kinder müssen dann im Puppenspiel die ihnen vorgespielten Anfänge von bindungsrelevanten Geschichten ergänzen und spielen, wie die Geschichte weitergeht und ein Ende findet. Auf der Grundlage von Transkriptionen und Videoaufzeichnung kann das Bindungsmuster des Kindes valide ausgewertet werden [ 12 ]. Auch diese Methoden können nicht einfach schnell in der pädiatrischen Praxis eingesetzt werden, sondern erfordern Ausbildung und Training in der reliablen Auswertung.

Dennoch ist die Kenntnis der Verhaltensweisen der Kinder während dieser diagnostischen Methoden hilfreich, weil ein Kinderarzt in der Praxis schneller erkennen könnte, wenn ein Kind — etwa im Rahmen einer Untersuchung — deutliche Zeichen von Angst gegenüber seiner Bindungsperson zeigt oder sich — in einer ängstigenden Situation — selbst verletzt, einen Wutanfall bekommt oder die Bindungsperson aggressiv angreift statt bei ihr Schutz und Sicherheit zu suchen.

Diese Verhaltensweisen wiederum sind eher Zeichen von desorganisierter Bindung oder beginnender reaktiver Bindungsstörung vom Typus mit Hemmung des Bindungsverhaltens. Für das Kindergartenalter wurde von Brisch [ 15 ] ein Fragebogen zu Bindungsauffälligkeiten entwickelt. In einer mit diesem Fragebogen durchgeführten Pilotstudie fanden sich positive Zusammenhänge zwischen erlebten Traumatisierungen der Kinder und hohen Werten für Verhaltensstörungen [ 16 ].

Die Entwicklung von Bindungsverhalten und Bindungsstörungen aus der Sicht der Bindungstheorie

Zur vollständigen Diagnostik ist ebenso die Untersuchung der Bindungspersonen des Kindes, also etwa von Mutter und Vater, erforderlich. Um die Bindungsmuster der Bindungspersonen zu untersuchen, gibt es vielfältige Fragebogeninstrumente. Einige kombinieren zur Einschätzung von Bindung auch Interviews und Fragebögen [ 17 ].

Nach eingehenden körperlichen Untersuchungen und dem Ausschluss körperlicher Ursachen — sowie ggf. Dies gilt für alle im Folgenden aufgeführten Altersgruppen.

Diskriminationstraining

Zeigen Säuglinge bzw. Kleinkinder bereits Zeichen einer beginnenden Bindungsstörung, hat die feinfühlige Interaktionsbehandlung des Säuglings unter Einbeziehung der Bezugspersonen höchste Priorität. Daher ist eine frühzeitige Intervention, evtl. Manchmal zeigt sich die Entwicklung einer Bindungsstörung im Kindergartenalter.

Hier wird sie z. In diesem Fall sind dringend eine diagnostische Abklärung und eine intensive psychotherapeutische Behandlung des Kindes, etwa als Spieltherapie , indiziert.