Maria blum psychologie
Waren Sie schon einmal in psychischer Behandlung? Wenn dem so ist, dann können Sie sich glücklich schätzen — denn in Deutschland warten viel zu viele Menschen auf einen Therapieplatz; laut der Bundespsychotherapeutenkammer rund 40 Prozent der späteren Patient:innen mindestens drei bis neun Monate auf den Beginn einer Behandlung. Gerade in akuter Problemlage wäre schnelle Hilfe essenziell.
Das Problem hat Nora Blum schon vor fünf Jahren erkannt — und hatte die Vision, es mit digitalen Möglichkeiten zu lösen. Also gründete sie Selfapy, eine App, in der Betroffene unkompliziert und niederschwellig Zugang zu psychotherapeutischen Online-Kursen erlangen. Mittlerweile sind Blum, die in Cambridge Psychologie studierte und ihre Karriere beim Start-up-Inkubator Rocket Internet begann, dafür mehr als Jahrhundert zu einer der ersten erfolgreichen Unternehmerinnen Europas wurde.
Anlass für uns, mit Nora Blum zu sprechen — über ihre Anfänge als Gründerin, die Bedingungen für Selfapy in Deutschland und wie sie selbst mit psychischen Belastungen in ihrer Rolle als Unternehmerin umgeht. This content can also be viewed on the site it originates from. VOGUE: Sie haben Selfapy vor fünf Jahren gegründet.
Was sind die wichtigsten Lektionen, die Sie seitdem gelernt haben?
Mag.rer.nat. Cornelia Maria Blum
Von Maria Goldbach. Von Alexandre Marain. Nora Blum: Da fällt mir sofort ein: Dass es immer sinnvoll ist, sich auf einzelne Dinge zu konzentrieren. Wir haben am Anfang noch versucht, alles gleichzeitig zu machen. Das ist aber nicht effizient. Jetzt fokussieren wir uns auf eine wichtige Sache nach der anderen. Und: Beharrlichkeit zahlt sich aus. Um erfolgreich zu gründen muss man nicht klassisch etwas in Richtung BWL studiert haben.
Es ist viel wichtiger, für etwas zu brennen — dann lernt man auch schneller. Mut zu haben ist nicht immer einfach, aber es wird belohnt. Es gibt viele Bereiche in der Gesellschaft, in denen Veränderung wichtig ist, sei es die Umwelt oder die Gesundheitspolitik. Ich glaube, dass gerade in diesen Bereichen mutige Gründer:innen dringend vonnöten sind. Was waren vor fünf Jahren Ihre persönlichen Herausforderungen?
Und welche sind es heute? Mir wurde oft gesagt, dass ich zu jung zum Gründen bin und es schlichtweg nicht möglich sei, Teile der psychotherapeutischen Versorgung zu digitalisieren. Ich habe mich aber auf das Ziel konzentriert: Dass mehr über psychische Erkrankungen gesprochen wird und Betroffenen niederschwellige Möglichkeiten geboten werden. Das hat mir den Mut gegeben, weiterzumachen.
Heute beschäftigen mich im persönlichen Bereich Dinge wie mein psychisches Gleichgewicht im Alltag und im Job beizubehalten. Das versuche ich auch meinen Mitarbeiter:innen weiterzugeben. Es ist mir wichtig, dass man offen am Arbeitsplatz über psychische Belastungen und Symptome sprechen kann. Etwas, das mir hilft, wenn das Gedankenkarussell nicht aufhören will, sich zu drehen: Die Gedanken aufschreiben.
Von Rachel Kelly. Inwiefern hat sich in den letzten Jahren gesellschaftspolitisch der Umgang mit psychischen Erkrankungen verändert? Selfapy entstand unter anderem aus der Erkenntnis, dass viele Betroffene sich aus Angst vor Stigmatisierung keine Hilfe suchen. Und dass diejenigen, die es tun, oft erst sehr spät einen Therapieplatz bekommen.
Durch die pandemiebedingten Lockdowns hat sich der Bedarf nochmals erhöht. Für Menschen, die sowieso schon belastet sind, war und ist bis heute eine schwierige Zeit. Besonders verbreitet sind Depression, Angststörung und Panikstörung. Die Situation hat sich für Betroffene durch die Pandemie massiv verschlimmert, das haben mittlerweile auch diverse Studien belegt.
Die Online-Kurse basieren auf der kognitiven Verhaltenstherapie. Das bedeutet: Wir haben wöchige Online-Kurse entwickelt, die Betroffenen mithilfe von Videos, Texten und Audios die Strategien der Verhaltenstherapie näher bringen. Die Versorgungslage in Deutschland für Menschen mit psychischen Belastungen ist weiterhin schwierig. Wir arbeiten also daran, weitere psychologische Online-Kurse für alle zugänglich zu machen, sprich, dass sie ganz einfach per Rezept verordnet werden können und von den Krankenkassen gezahlt werden.
Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen — oder fiel es Ihnen zu Beginn — als Gründerin Verantwortung für ein wachsendes Team zu tragen? Als leicht würde ich diese Aufgabe nie bezeichnen. Aber wenn Mitarbeiter:innen mit den gleichen Zielen zusammenarbeiten, dann hilft das enorm. Mittlerweile haben wir ein köpfiges Team und ein Unternehmen aufgebaut, das psychische Gesundheit lebt und in seine Werte integriert hat.
Ein Netzwerk und Austausch mit anderen, explizit auch mit Gründerinnen, ist für mich sehr wichtig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen in der Wirtschaft nach wie vor weniger ernst genommen werden als Männer. Oft müssen wir statt Prozent geben und das bei oft ungewissem Ausgang. Hilfreich ist auch, sich eine:n Mentor:in zu suchen.
Und ganz wichtig: Niemals den Glauben an die eigene Idee verlieren, egal was Skeptiker:innen sagen. Gibt es denn in Ihrem Leben jemanden, der:die Sie konstant inspiriert oder berät? Meine Mutter, die als Psychotherapeutin arbeitet, ist von Anfang an meine Inspiration gewesen. Ich habe als Kind schon mitbekommen, wie schlecht es um die Versorgungslage steht.
Sie hatte jeden Tag den Anrufbeantworter voller Menschen, die Hilfe suchen und die sie vertrösten musste. Mir wurde klar: Da muss sich was ändern. Ansonsten ist meine Mitgründerin Katrin Bermbach eine wichtige Unterstützung.
Prüfungsausschuss
Wir haben uns im Studium kennengelernt. Der Wille, etwas verändern zu wollen, hat uns zusammengebracht. Entstand die Idee für Selfapy schon zu Ihren Studienzeiten? Sie haben an der renommierten University of Cambridge studiert. Das Studium war hart, zwei Kommilitonen haben ein Burn-Out entwickelt, und erst Hilfe bekommen, als es schon fast zu spät war.
Katrin und ich haben nach einer Vorlesung im Pub darüber gesprochen, wie hoch die Hürden bis zu einem Therapieplatz sind und waren uns einig: Es darf nicht nur eine Form von Hilfe geben! Wir müssen was tun. Wir brauchen ein niederschwelliges, digitales Angebot. Das war der Beginn von Selfapy. Hat das Studium denn auch dazu beigetragen, so eigen zu denken und ein so spezielles Unternehmen wie Selfapy zu gründen?
Den Unternehmensaufbau an sich habe ich eigentlich erst bei meinem ersten Job gelernt.
Katharina Blum-vom Wege – Kjpp
Nach meinem Psychologie-Studium wollte ich nicht direkt in die klinische Psychologie, sondern etwas Anderes, Aufregendes machen. So bin ich beim Start-up-Inkubator Rocket Internet gelandet, in der Abteilung, die die unterschiedlichen Unternehmen aufbaut. Ich musste in kurzer Zeit sehr viel lernen. Das hat mir als Gründerin später sehr geholfen. Von Alicia Metz-Kleine.
Bei Rocket habe ich gelernt, wie man ein Unternehmen aufzieht. Ich mochte die Zupacker-Mentalität und die Stimmung. Die Passion für mein Thema, was sich später in Selfapy manifestiert hat, war schon da — das Gründen, also das Handwerk, musste ich aber noch lernen. Daher erschien mir der Schritt in die Wirtschaft als der Richtige. Mittlerweile haben Sie es mit Selfapy sogar geschafft, von den Krankenkassen in Deutschland anerkannt zu werden.
War die deutsche Bürokratie eine besondere Herausforderung? Es war harte Arbeit, aber die hat sich gelohnt! Zu Beginn der Gründung waren wir auf die direkte Zusammenarbeit mit den Krankenkassen angewiesen. Diese wiederum folgen aber ihren ganz eigenen Regeln. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit meinem Kissen unterm Arm den frühesten ICE genommen habe, um zu den Terminen mit den Krankenkassen quer durch Deutschland zu fahren und sie von Selfapy zu überzeugen.
Das war sehr herausfordernd. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für unsere Kurse nun komplett. Damit können wir viel mehr Menschen in Deutschland helfen. Gründerinnen haben es tendenziell schwerer als Gründer — das fängt schon bei der Investorengewinnung an. Und es ist kein Geheimnis, dass Frauen in der Start-up-Szene nach wie vor unterrepräsentiert sind.
Wir wurden am Anfang dafür belächelt, als Psychologinnen ein Unternehmen zu gründen. Aber das hat mich immer nur motiviert, noch stärker zu kämpfen, weil ich an unsere Idee glaube. Berlin steht für Offenheit, Start-up-Kultur und wissenschaftlichen Fortschritt. Es ist zudem das Zuhause von vielen Health-Tech-Unternehmen. Das erleichtert den Austausch und das Netzwerken untereinander.
Mittlerweile sehe ich, dass es viele Förderprojekte und Preise gibt, um insbesondere Gründerinnen zu unterstützen. Auch Investoren setzen vermehrt auf weibliche oder zumindest gemischte Gründer:innenteams. Ich spüre, dass sich da etwas verändert hat in den letzten Jahren. Mittlerweile lässt sich glücklicherweise fast sagen: Es ist von Vorteil, als Frau zu gründen.