Blickduell psychologie
Manchmal beängstigend, manchmal faszinierend: Jeden Tag tauschen wir unzählige Blicke mit anderen Menschen. Auch mit solchen, die uns wildfremd sind. Das alte Spiel: Wer schaut zuerst weg? Wenn zwei Menschen sich unterhalten, kommunizieren auch ihre Augen miteinander — und sprechen oft eine ganz eigene Sprache. Während der Verkäufer im Modehaus einen nachlässig gekleideten Kunden pflichtschuldig und korrekt bedient, zeigen seine Blicke, was er wirklich von seinem Gegenüber hält.
Wie wir andere anschauen, kann eine Gefühlspalette vom Flehen um Aufmerksamkeit bis zur Verachtung ausdrücken. Schon mit etwa vier Monaten lernen wir, auf die Augen in einem Gesicht zu achten. Auch wenn wir längst wissen, dass die unvergleichliche Wirkung genau genommen erst durch kleine Bewegungen der Brauen, der Lider und benachbarter Muskeln zustande kommt — bis heute empfinden wir die Augen als eine Art ungeschützten Intimbereich.
Sie sind unser wunder Punkt und unsere zwischenmenschliche Andockstelle. In der Begegnung zweier Augenpaare können wir von der Liebe auf den ersten Blick erwischt werden; oder uns durchschaut fühlen. Wer sich überhaupt auf einen Blickkontakt mit jemandem einlässt, anstatt gleich durch ihn hindurchzuschauen, erweist dem anderen damit Respekt — und geht eine Art flüchtiger, optischer Fernbeziehung ein.
Jadehändler im alten China sollen in der Lage gewesen sein, in den Pupillen eines amerikanischen Einkäufers das Interesse an einem Geschäft abzulesen, um erst dann einen Preis zu nennen. Wie lange und wie oft man sich anschauen sollte, wird in jeder Situation und in jedem Kulturkreis durch unausgesprochene Konventionen festgelegt.
Manchmal kommt es so zu interkulturellen Missverständnissen wie vor Jahrzehnten bei einem New Yorker Schuldirektor, der den schamhaft abgewandten Blick einer des heimlichen Rauchens verdächtigten Schülerin aus Puerto Rico als Schuldeingeständnis deutete. In Ostasien werden direkte Blicke selbst im persönlichen Gespräch eher vermieden. Auch durchsetzungsfreudige Menschen versuchen oft, mit einem länger ausgehaltenen Anschauen andere zu dominieren.
Der österreichische Scientology-Aussteiger Wilfried Handl berichtete, dass in der Organisation trainiert wurde, wie man auf diese Weise andere unter Druck setzen kann. Kein Wunder, dass ein angeblich respektloses Anstarren zu den klassischen Vorwänden für eine Schlägerei zählt. Besonders unbehaglich fühlt sich, wer von mehreren Augenpaaren angestarrt wird. Ende der er Jahre bat ein Wärter im Frankfurter Völkerkundemuseum darum, in einen anderen Saal versetzt zu werden.
Es stellte sich heraus, dass er sich mit den vielen Masken unwohl fühlte und nachts von den Augen träumte. Die Macht unergründlicher, unheimlicher Augen hat sich nicht nur in Mythen wie dem versteinernden Blick der Medusa niedergeschlagen. Das Verhüllen der Augen bei Hinrichtungen wurde nicht als humanitäre Geste eingeführt, sondern aus Angst vor dem Blick des Delinquenten.
Einfach als unangenehm empfinden manche Menschen das Gefühl, im Rücken einen Blick auf sich zu spüren. Vermutlich ist dafür eine Kombination aus unbewussten Wahrnehmungen im Augenwinkel, Geräuschen, Gerüchen und anderen Eindrücken verantwortlich, die fälschlich als optischer Eindruck verbucht werden.
Auch, dass sich blinde Menschen oft beobachtet fühlen, dürfte am Zusammenwirken anderer Sinneseindrücke liegen. Ohne Ansehen der Person kommen dort ganz unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch, die sich im Hellen nie aufeinander eingelassen hätten. Besondere Verhaltensregeln gelten in traditionell geprägten Gesellschaften heute noch für Blickkontakte zwischen Männern und Frauen.
Schaut eine Frau einen Mann direkt an, wird das in vielen Ländern heute noch als sexuelle Einladung verstanden. Dass Frauen sich nicht immer sicher sein können, ob die Blicke fremder Männer nur die erste Stufe möglicher Zudringlichkeiten sein werden, lässt sie mitunter bedrohlich wirken. Ihr völliges Ausbleiben beunruhigte mich, und ich begann nach den Ursachen zu forschen.
Dieser Mechanismus bestimmt nicht nur die meisten Beziehungen zwischen Männern und Frauen, sondern auch die Beziehung von Frauen zu sich selbst. Der Prüfer der Frau in ihr selbst ist männlich — das Geprüfte weiblich. Somit verwandelt sie sich selbst in ein Objekt, in einen Anblick. Immerhin: Inzwischen sehen sich auch viele Frauen gerne attraktive Vertreter des anderen Geschlechts an, nur schaffen sie das unauffälliger als die meisten Männer, weil sie nicht jedes Mal den Kopf drehen, wenn sie hinschauen.
Intensiver Blickkontakt: So kannst du mit den Augen flirten!
Zum Glück gibt es ja nicht nur die einseitige Betrachtung eines anderen, sondern auch die angenehmen Varianten echter Kommunikation mit den Augen: die kurze Blickbegegnung zweier Fremder, die sich einig sind, ohne dies offen zu zeigen. Einer Theorie im alten Griechenland zufolge brennt es im Auge des Menschen — wer spielt nicht gern mit dem Feuer? Unausgesprochene Konventionen. Männerblicke gehören zu den Unannehmlichkeiten.
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